1.

»Zieh hoch, verdammt! Zieh hoch!«
Richard Burkes Körper versteifte sich in seinem Schalensitz. Wie gebannt starrte er durch die Glaskuppel auf die rasch näher kommende Oberfläche des Mondes. Die mächtigen Ausläufer der Gebirgsketten entlang des Clavius-Kraters ragten direkt vor ihm in die Höhe. Er schluckte trocken und presste seine Handflächen gegen das Rückenteil des Sitzes vor ihm.
»Nur die Ruhe, mein Alter«, folgte die Antwort. »Es ist gar nicht so einfach, einen Atmosphärengleiter durch eine luftleere Atmosphäre zu steuern.«
John Storm verzog die Lippen zu einem Grinsen, was der hinter ihm sitzende Burke nicht sehen konnte. Storms Blick ging über die Anzeigewerte auf der Armaturentafel. Die Zahlenwerte auf dem Höhenmesser rauschten schneller durch, als ihm recht war. Er sah wie sein Freund die Bergspitzen auf sich zurasen. Hätten sie sich auf der Erde befunden, hätte sie in diesem Winkel alleine der Auftrieb wieder abgefangen und ihren Sturzflug abgebremst.
Doch die Atmosphäre des Mondes war nicht so gnädig. Storms Finger jagten über die berührungsempfindlichen Steuerdisplays der Antigravfelder, die in die Tragflächen des Deltaflüglers eingebaut waren. Je nachdem, wie er ihre Felddichte justierte, stieg oder sank der Gleiter. Zudem konnte Storm damit bestimmen, ob die XG-1, wie der Prototyp hieß, zur einen Seite absank und so eine Kurve beschrieb. Es waren Manöver, für die er im wahrsten Sinne des Wortes Fingerspitzengefühl benötigte.
Storm spürte, wie sich an der Kante seines Pilotenhelms Schweiß auf der Stirn sammelte. Er konzentrierte sich auf die Schubwerte, die in Form ineinanderfließender Farbskalen angezeigt wurden. Wer immer dieses Display erstellt hatte, schien eine Vorliebe für surreale Malerei zu haben, dachte Storm bei sich. Doch er musste zugeben, dass er durch die Farben intuitiv erfasste, wie weit er den Wert der einzelnen Feldgeneratoren verändern durfte.
»John, jetzt wäre ein guter Zeitpunkt, die Maschine abzufangen«, erinnerte ihn Burke mit gepresster Stimme. Der Anblick der Mondoberfläche nahm nun die gesamte Glaskuppel ein. Eine scharf gezackte Felsnadel bohrte sich zu seiner Rechten in die Höhe. Ihr Schatten zog sich wie ein dünner Strich über den blendend weißen Untergrund.
Die Nadel kippte zur Seite weg. Zumindest hatte es den Anschein. Durch die geringere Schwerkraft merkte Burke zuerst gar nicht, wie er in seinen Sitz gedrückt wurde. Vor seinen Augen zog sich die Linie des Horizonts von links unten nach rechts oben. Das tiefschwarze Nichts des Alls erstreckte sich unverhofft über ihm. Selbst in dieser Höhe reflektierte der Mond das Licht der Sonne mit solch einer Intensität, dass es alle Sterne am Himmel überstrahlte.
Richard Burke setzte sich in seinem Schalensitz aufrecht hin und reckte das Kinn vor. Er räusperte sich hörbar. Storm wandte sich um, soweit das in dem engen Cockpit möglich war.
»Wir haben unsere vorgesehene Reiseflughöhe wieder erreicht«, frotzelte er und blickte nach hinten. »Wir empfehlen Ihnen trotzdem, während des Flugs den Sicherheitsgurt geschlossen zu halten.«
»Wenn du wenigstens eine hübsche Stewardess wärst«, schnaufte Burke und schob sich seinen Pilotenhelm zurecht.
»Die hätte mit diesem Antrieb wohl so ihre Schwierigkeiten«, meinte Storm. Der Schalk wich aus seinem Gesicht. Er wandte den Kopf wieder nach vorne und kontrollierte die Werte auf den Anzeigen. Trotz der Stunden, die er im Simulator verbracht hatte, war der Gleiter für ihn nach wie vor ein Buch mit sieben Siegeln. Er wusste, dass die Schubkraft des Ionen-Impulstriebwerks im grünen Bereich war. Doch wie bei so vielem anderen, das Magnus van Scott erfunden hatte, schwirrte ihm der Kopf, wenn er über die zugrunde liegende Technologie nachdachte. Die XG-1 durfte es nach menschlichem Ermessen überhaupt nicht geben. Noch nicht geben, verbesserte sich Storm.
Auf der Erde hätte man Kriege begonnen, um an all die Technik zu gelangen, die hier auf dem Mond vorhanden war. Verborgen in Dark Side One, der unterirdischen Station auf der erdabgewandten Seite des Mondes.
Van Scott war weiterhin nicht bereit, sein unfassbares Wissen mit der Menschheit zu teilen. Selbst die wenigen eingeweihten Stellen bei der UNO mochten nicht einmal erahnen, woran der Wissenschaftler arbeitete. Welchen Traum er verfolgte.
John Storm riss sich aus seinen Gedanken und blickte nach draußen. Die in die Kuppel eingelassenen Kristalle regulierten je nach Intensität des einfallenden Lichts stufenlos die Lichtdurchlässigkeit des Glases.
Der Pilot strich über die Anzeigen und ließ die Maschine leicht nach links kippen. So hatte er einen besseren Blick auf die Landschaft unter sich. Storm wusste nicht, warum, aber diese kalte, unnahbare und abweisende Umgebung mit ihrem Licht- und Schattenspiel verlor für ihn nicht an Reiz. Er fühlte sich hier oben inzwischen heimischer als auf der Erde.
Die Erde …
Von ihrer Position so tief im Süden konnte er sie nicht einmal am Himmel ausmachen.
»Schau, wir sind beinahe am Südpol«, meinte er zu Richard Burke und deutete mit dem Finger nach unten. Sie überflogen einen gewaltigen Krater mit einem hoch aufragenden, fast gleichmäßigen Rand. Das Kraterinnere mochte mehrere Dutzend Kilometer durchmessen.
Storm kniff die Augen zusammen. In der Mitte der ebenen Fläche konnte er einen kreisrunden Schatten von gut fünfhundert Metern Durchmesser ausmachen. Er schien zu gleichmäßig, um natürlichen Ursprungs zu sein. Doch je tiefer der Gleiter in den Krater eindrang, desto mehr zog sich der Schatten, den das aufgeworfene Gestein im Zentrum warf, in die Länge.
Storm lächelte über sich selbst und nahm sich vor, nicht mehr so viel Science-Fiction zu lesen. Er zog die XG-1 in einem flachen Winkel nach oben. Hinter sich hörte er über den internen Funk, wie Burke mit den Ingenieuren auf Dark Side One Kontakt hielt und mit ihnen alle neu eingespielten Daten durchging.
Das erlaubte John Storm, sich völlig auf die Beherrschung des Gleiters und seiner Flugeigenschaften zu konzentrieren. Und er gab zu, er war froh, dass sein Freund und Copilot ihm die lästige Aufgabe abnahm.
Er warf einen Blick auf die Treibstoffanzeige. Sie stand bei 57 Prozent. Van Scott war davon ausgegangen, dass eine Ladung Flüssiggas reichen müsste, um den Mond einmal zu umrunden. Das Ionentriebwerk verbrauchte offensichtlich deutlich mehr Treibstoff, als der Wissenschaftler errechnet hatte. Bisher hatten sie kaum mehr als fünftausend Kilometer zurückgelegt. Storm wies Burke darauf hin.
»Wir sollten umkehren«, schlug er vor. »Wir haben für den Rückflug genug Reserve, aber ich möchte bei diesem ersten Testflug auf Nummer sicher gehen.«
»Einverstanden. Ich bin ja schon froh, dass wir mit keinen größeren technischen Schwierigkeiten zu kämpfen haben«, antwortete Burke und aktivierte den Funk.
»Beschwör’s nicht!«, sagte John Storm und warf unwillkürlich einen Blick auf die Instrumente.
»XG-1 an Lunar Control«, klang die kräftige Stimme seines Freundes durch das Cockpit. »Wir beenden unseren Testflug und kehren zur Station zurück.«
»Gibt es irgendwelche Probleme?«, kam die Rückfrage. »Unsere Kontrollen zeigen keine Fehlfunktion.«
»Negativ«, gab Burke zurück. »Wir verbrauchen allerdings mehr Treibstoff als vorgesehen.«
»Bestätigt«, meldete sich der Ingenieur nach wenigen Augenblicken. »Diese Anzeige erhalten wir auch.« Wieder vergingen ein paar Sekunden. »Rückflug ist genehmigt. Wir möchten einen abschließenden Test vornehmen. Blindflug nach Peilsignal, sobald Sie in den Mondschatten eintreten.«
John schaltete sich in den Funkverkehr ein.
»Storm hier. Bestätigt. Auf welchem Kurs sollen wir das Signal anfliegen?«
»Das überlassen wir Ihnen, Captain. Der Richtsender spürt Sie ab einem Radius von dreitausendfünfhundert Kilometern auf und weist Sie ein, selbst wenn Sie vom Kurs abgekommen sein sollten.«
»Okay. Dann aktiviere ich unsere eigenen Positionsmelder. Sagen Sie uns, ob Sie uns auf dem Schirm haben.«
Storm betätigte den Schalter am Seitenteil der Anzeigentafel. Eine grüne Diode leuchtete auf.
»Wir können Sie orten, XG-1«, erfolgte die prompte Bestätigung.
»Roger, Storm Ende.« Er deaktivierte sein Kehlkopfmikrofon und drehte sich in seinem Sitz um. »Programmier mir mal einen kleinen Schlingerkurs, damit wir das Ortungssystem der Station auf die Probe stellen können.«
Burke seufzte. »Wenn du meinst. Ich für meinen Teil hätte ja nichts dagegen, direkt nach Hause zu fliegen.«
»Du wirst etwas flugscheu auf deine alten Tage«, meinte Storm und zwinkerte seinem Freund zu.
»Blödsinn. Ich hatte nur genug Mondöde für einen Tag und kann etwas Farbe vertragen«, maulte dieser mehr zu sich und rief auf seinem Hauptbildschirm eine Topografie der Mondoberfläche auf. Er zeichnete mit der Fingerspitze einen geschwungenen Kurs auf das Display. Eine hellblaue Linie schlängelte sich um mehrere Hügelketten. Zum Abschluss tippte er mit dem Finger fest auf das berührungsempfindliche Glas.
»Fertig!«, meinte er. »Du kannst losdüsen.«
Storm ließ sich die Projektion auf seinen eigenen Schirm einblenden. Er wollte mit dem Gleiter eine Kurve beschreiben und reduzierte den Antigravimpuls an der rechten Tragfläche.
Die Maschine neigte sich zur Seite und zuckte mitten in der Flugbewegung zur Seite. Die beiden Piloten wurden völlig überrascht und in ihre Sitze gepresst. Ein Alarmsignal schrillte auf.
»Verdammt, was ist passiert?«, rief Burke und kniff die Augen zusammen. Die XG-1 geriet weiter in Schräglage und trudelte unkontrolliert durch den luftleeren Raum.
Storm stemmte sich gegen die Anziehung, die ihn zur Seite und aus dem Sitz drückte, und packte mit der linken Hand die Außenkante der Anzeigentafel. Er zog sich mit aller Kraft zurück in den Sitz und keuchte. Schweiß rann über seine Stirn. Seine Augen brannten. Er sah mehrere Displays rot aufblinken und deaktivierte das schrille Alarmsignal, das penetrant in seinen Ohren widerhallte.
Der Pilot verfluchte in diesem Moment die moderne Technik des Gleiters. Es gab keinen Steuerhebel, nichts, woran er sich festhalten konnte. Nichts, das ihm das unmittelbare Gefühl gab, sein Schicksal selbst in der Hand zu haben.
Er blickte auf die Anzeigewerte der Steueraggregate und traute seinen Augen nicht. Ihren Werten zufolge befand sich die Maschine in einem sanften Gleitflug.
Storm lachte gequält auf und hörte Burke abermals fluchen. Die XG-1 jagte in diesem Augenblick kopfüber auf die Mondoberfläche zu. Das entsprach in keinster Weise seiner Vorstellung von einem Gleitflug. Er stützte sich an der Glaskuppel ab, obwohl ihn die Sicherheitsgurte nach wie vor festhielten.
Die Flugmaschine ruckte abermals mitten in der Bewegung und beschrieb eine enge Kurve. Storm wurde für Sekunden schwarz vor Augen. In seinen Ohren rauschte das Blut. Er presste die Lippen aufeinander und rechnete damit, dass die Tragflächen diese Beanspruchung nicht mehr lange durchhielten.
»XG-1, hier Lunar Control«, drang es wie aus weiter Ferne zu ihm durch. »Ist bei euch alles in Ordnung? Wir erhalten ungewöhnliche Werte über eure Flugbahn.«
John Storm öffnete den Mund, um zu antworten. Doch mehr als ein Krächzen kam nicht über seine Lippen. Die Bodenkontrolle fragte erneut nach, und dieses Mal war die Besorgnis des Mannes am anderen Ende nicht zu überhören.
»Stürzen ab!«, brüllte Richard Burke. »Keine Kontrolle über … Gleiter –« Seine Stimme kam gepresst und war kaum noch verständlich.
Storm drückte beide Hände gegen die Armlehnen und schob sich nach vorne. Seine Arme schienen unter der Belastung eine Tonne zu wiegen. Nur langsam krochen seine Finger über die Schaltelemente. Er wollte alles auf eine Karte setzen und das System neu starten in der Hoffnung, damit den Fehler in der Steuerung zu beheben.
Sein Blick ging zum Höhenmesser. Keine neuntausend Fuß mehr. Zum Glück stürzte die XG-1 nicht in einem steilen Winkel zur Oberfläche. Dennoch würde der Systemstart mehr als zwei Minuten benötigen. Sollten sie bis dahin in zu niedriger Höhe sein, würden die Antigravfelder in den Tragflächen kaum noch die nötige Schubkraft aufbringen können, um ihren unkontrollierten Flug abzufangen.
Storm schüttelte den Kopf und zögerte. In diesem Moment legte sich der Gleiter in eine waagerechte Position und verharrte an seinem Standort.
»Was zum …?«, stieß Burke aus. Er war genauso irritiert wie John Storm. Die Maschine hing regungslos in der Luft. Zu ihrer Rechten konnten die beiden Männer die in Dunkelheit gehüllte erdabgewandte Seite des Mondes erkennen. Sie mussten sich genau über der Licht- und Schattengrenze befinden.
»Bekommst du Kontakt zu Lunar Control?«, wollte Storm von seinem Freund wissen. Dieser überprüfte die Funkkanäle und fluchte schließlich. »Nichts!«, antwortete Burke und schlug mit der Handfläche gegen die Glaskuppel. »Ich bekomme nicht mal ein Rauschen rein.«
Storm kontrollierte die Anzeigen auf den Displays. Die Warnhinweise waren in der Zwischenzeit erloschen. Alle übrigen Werte entsprachen nach wie vor den Angaben, die man erwarten konnte, wenn sich der Gleiter mit achthundert Stundenkilometern vorwärts bewegte. Die Flüssiggastanks des Gleiters entleerten sich mit jeder verstreichenden Sekunde und versorgten das Ionentriebwerk mit dem nötigen Treibstoff.
Dann, von einer Sekunde auf die andere, ebbte das Vibrieren des Triebwerks ab und erlosch. Storm schluckte. Der Geschwindigkeitsmesser stand innerhalb weniger Sekunden bei Null. Er rechnete damit, dass die Maschine jeden Augenblick abstürzte. Unbewusst drückte er seine Füße gegen den Boden.
Ein leichter Ruck ging durch den Rumpf. Die XG-1 verlor an Höhe. Storms Herzschlag beschleunigte sich. Sie hatten keine Sicherheitssysteme, die einen freien Fall aus dieser Höhe abfangen konnten. Es war nur eine Frage von Minuten, bis sie auf der Mondoberfläche zerschellten.
»John?«, fragte Burke in seinem Rücken. Er reagierte nicht.
»Hey!«, rief sein Freund. Storm spürte eine Hand auf der Schulter. Sie schüttelte ihn. Johns Gedanken lösten sich aus der lähmenden Umklammerung, in der sie die vergangenen Augenblicke gefangen waren.
»Warum stürzen wir nicht ab?«, wollte Richard Burke wissen. Storm stutzte und blickte nach draußen. Der Gleiter verlor nach wie vor an Höhe. Doch es war mehr ein kontrollierter Sinkflug als ein Absturz.
Der Pilot setzte sich auf und runzelte beim Blick auf die Displays die Stirn. Das Haupttriebwerk war weiterhin deaktiviert. Ebenso die Schwerkraftaggregate in den Tragflächen.
Ein Gedanke schlich sich in sein Bewusstsein. Er weigerte sich zuerst, ihn zuzulassen. Er schien zu phantastisch, um ihn überhaupt in Betracht zu ziehen. Doch sein Verstand analysierte die Situation mit kalter Logik und kam nur zu einem einzigen Schluss. Storm lehnte sich zurück und atmete laut aus.
»Das wird dir nicht gefallen, mein Alter«, antwortete er schließlich.
»Was?«, hakte Richard Burke gereizt nach. Er kam sich auf seinem Copilotensitz ausgeliefert vor. Die wenigen Daten auf seinem Hauptdisplay lieferten kaum Informationen, und er hasste es, so im Unklaren zu sein.
»Jemand hat die Kontrolle über die XG-1 übernommen«, erklärte Storm mit aller Ruhe, zu der er fähig war.
Er hörte keine Antwort. Nur das Rascheln von Stoff und schließlich ein lang gezogenes Schnaufen.
»Wiederhol das noch mal!«, verlangte sein Freund mit leiser Stimme.
»Ich denke, du hast mich genau verstanden«, sagte Storm. Er blickte nach rechts. Der weite Bogen eines Kraterrands schob sich in sein Blickfeld und wuchs schnell empor.
John Storm schaltete die Bodenkamera ein, die eigentlich dazu diente, die Landemanöver zu steuern, und sah unter sich den grauweißen, felsigen Untergrund der Mondlandschaft rasch näher kommen.
Und er sah etwas anderes.
Eine gleichmäßig geformte, rechteckige Öffnung im Gestein. Sie wirkte wie aus dem Fels herausgeschnitten, eingehüllt in eine tiefschwarze Dunkelheit.
»Oh, du Schande!«, entfuhr es Burke, der auf seinem Display dasselbe Bild sehen konnte.
John Storm hielt den Atem an. Der Höhenmesser zeigte die letzten Meter zum Boden an und schlug dann in einen Minuswert um. Übergangslos hüllte sie eine abgrundtiefe Schwärze ein. Storm hob den Kopf an. Das wenige Licht, das durch die Öffnung einfiel, verschwand über ihm. Und dann sah er vier Platten, die sich in diagonaler Anordnung ineinanderschoben und sich schlossen.
Absolute Dunkelheit umgab sie nun. Doch bevor John die Bordscheinwerfer aktivieren konnte, leuchteten kleine Lichter in lang gezogenen Linien an den kaum auszumachenden Wänden um ihn herum auf. Sie liefen in einem Punkt weit unter ihm zusammen.
»Wir werden wohl erwartet«, kommentierte er die Lage.
Burke lachte mit überschlagender Stimme auf und schwieg dann.
Storm konnte es ihm nicht verdenken. Er blickte auf das Bild der Bodenkamera und fragte sich nur, wer – oder was – sie dort unten erwartete.

 

2.

Vor ihnen breitete sich eine verlassene Landefläche aus. Im unauslotbaren Dämmerlicht war kaum der Untergrund auszumachen. John Storm vermochte nicht zu sagen, ob er aus Beton, Metall oder einem gänzlich anderen Material bestand.
Über den graubraunen Boden zogen sich Ketten kleiner Lichtpunkte, die die Fläche in kleine Segmente aufteilten. Fast wie auf einem Parkdeck. Oder einem Hangar, ging es Storm durch den Kopf.
»Verdammt, John, wo sind wir hier?«, unterbrachen Burkes Worte seine Überlegungen. »Das sieht nicht so aus, als ob die NASA es gebaut hätte.«
»Nein«, entgegnete Storm einsilbig. Er wusste nicht, was er darauf erwidern sollte. Sollte dieser unterirdische Hangar menschlichen Ursprungs sein, gab es auf der Erde ganz offensichtlich noch ein weiteres Genie wie van Scott. Wenn nicht … John wagte immer noch nicht, den Gedanken zu Ende zu denken.
»Und was sollen wir jetzt machen?«, hakte sein Freund nach. »Ich bekomme nach wie vor keinen Kontakt zu Dark Side One. Der Funk ist vollkommen lahmgelegt. Wir sitzen viel zu tief unter der Erde fest. Durch das Gestein dringt kein Signal. Sollen wir einfach hier sitzen und warten, was passiert?«
Die Anspannung in Burkes Stimme war nicht zu überhören. Storm beugte sich über die Instrumente und studierte Werte, die er während des Flugs über den Mond vernachlässigen konnte. Doch die Anzeigen, auf die er sich nun konzentrierte, ließen nur einen Schluss zu.
Er löste den zentralen Verschluss seiner Sicherheitsgurte. Die Riemen schnappten zurück und wurden in das Rückenteil gezogen. Storm atmete lange und tief durch und ließ seine Finger über einer Schaltfläche ruhen.
»Nein«, antwortete er schließlich. »Wir steigen aus.«
»Was?!«, rief Richard Burke aus. Storm setzte alles auf eine Karte und entriegelte die Glaskuppel.
»Nein! Verdammt!«, schrie sein Freund und riss die Arme vors Gesicht, obwohl er wusste, dass ihn das vor dem tödlichen Vakuum des Mondes nicht schützen würde.
John Storm sah, wie die vordere Hälfte der Kuppel zum Bug glitt, und nahm einen tiefen Atemzug. Kalte, abgestandene Luft drang in das Cockpit ein.
»Ich habe die Umgebungswerte überprüft«, klärte er seinen Freund auf. »Die Atmosphäre da draußen entspricht der auf der Erde. Selbst die Anreicherung mit Edelgasen stimmt überein. Die Luft hier ist besser als die bei uns auf der Station. Selbst auf der Erde dürfte es kaum noch so gute Luft zum Atmen geben.«
Er stütze sich mit beiden Händen auf die Lehnen seines Pilotensitzes und erhob sich.
»W-was hast du vor, Himmel noch mal?«, schnaufte Burke hinter ihm. Storm drehte sich um und beugte sich über die Kopfstütze seines Sitzes.
»Ich habe nicht vor, hier untätig sitzen zu bleiben«, erklärte er. »Ich habe vor, dort«, er deutete mit einem Zeigefinger in die Dämmerung, »eine Antwort auf meine Fragen zu finden.«
»Was für eine Antwort denn?«, lachte Burke auf. Er war förmlich in seinem Sitz zusammengesunken. »Nein, sag’s mir nicht! Ich will es eigentlich gar nicht wissen!«, winkte er ab.
Storm seufzte. Er konnte die Reaktion seines Freundes gut verstehen. Aber ihm widerstrebte es, der Sache nicht auf den Grund zu gehen.
»Rick«, setzte er mit ruhiger Stimme an, »wir wissen beide, dass das hier«, er beschrieb mit der Hand einen Bogen durch die Luft, »nicht von unseren Leuten, den Russen oder den Chinesen gebaut worden sein kann.«
John Storm richtete sich auf und sah sich um.
»Van Scott kommt ebenso wenig infrage«, mutmaßte er. »Dann wüssten wir schon von diesem Außenposten. Also …«
»Sag jetzt nicht ›außerirdisch‹! Bitte, John.« Richard Burkes Stimme bebte.
Storm zuckte mit den Schultern.
»Was soll ich denn sonst sagen?« Er blickte seinen Freund entschlossen an und schwang sein rechtes Bein über den Rand des Cockpits.
»Bleib du hier sitzen, wenn du möchtest. Versuch, Dark Side One zu erreichen! Ich sehe mich inzwischen um.« Er klopfte gegen seinen Schalenhelm. »Wir sind ja über Funk miteinander in Verbindung.«
Storm zog sein linkes Bein nach und überwand die zwei Meter zum Boden mit einem vorsichtigen Sprung. Der Aufprall seiner Stiefelsohlen hallte durch den Hangar und wurde als Echo reflektiert. Als Erstes stellte er fest, dass hier eine ähnliche Schwerkraft wie auf Dark Side One herrschte. Etwas geringer als 1 g vielleicht. Aber nicht die leichte Anziehungskraft des Mondes. Er ging in die Knie und fing sich mit der rechten Hand ab.
Das Material unter seinen Fingern strahlte eine unnatürliche Kälte aus. Storm zog die Hand zurück und betrachtete sich die feine Struktur des Bodens. Sie wirkte wie ein Mosaik, zusammengesetzt aus einer Vielzahl kleiner Kacheln. John vermochte nicht zu sagen, ob sie aus Keramik oder Kunststoff bestanden. Sie waren fugenlos miteinander verbunden. Er ging zu einer der Lichtketten hinüber. Anders als erwartet, waren es keine Leuchtdioden, sondern übergangslos in das Bodenmaterial eingelassene kreisrunde Elemente, die aus demselben Material zu bestehen schienen wie der restliche Untergrund. Im Unterschied zu ihm aber waren sie durchscheinend und selbstleuchtend.
Storm erhob sich und steckte die Hände in die Hosentaschen seiner Fliegerkombination. Auf einen schweren Raumanzug konnten sie in der XG-1 verzichten, und der Pilot war in diesem Augenblick dankbar dafür. Anders als die Bodenplatten war die Umgebung angenehm temperiert.
Nachdenklich sah er sich um.
»Hallo?«, rief er spontan in den Raum hinein. »Können Sie mich hören?«
Seine Stimme wurde mehrfach von den weit entfernten Wänden reflektiert und hallte durch die Luft. Neben sich hörte er einen Aufprall und blickte sich um. Er lächelte Burke zu.
»Freut mich, dass du dich entschieden hast«, meinte Storm zu ihm. Dieser ächzte und richtete sich auf.
»Du hast genau gewusst, dass ich dich nicht alleine lasse!«
»Gehofft«, antwortete John Storm und nickte ihm aufmunternd zu.
Burke machte einen Schritt auf ihn zu und schien sich erst jetzt bewusst zu machen, welche Schwerkraft hier herrschte. Er ging leicht in die Knie und stapfte mit dem rechten Fuß auf. Doch der Satz in die Luft blieb aus. Burke schüttelte den Kopf und seufzte.
»Scheint’s hat dich niemand gehört«, stellte er fest, ohne auf seine eigene Erfahrung mit der Gravitation einzugehen.
Mehrere der Lichtstreifen im Boden begannen wie als Antwort in einer Reihe zu blinken und wiesen auf einen in der Dunkelheit verborgenen Punkt zu ihrer Rechten hin.
»Offensichtlich doch«, meinte Storm und ging ohne zu zögern in die angewiesene Richtung. Burke öffnete den Mund und schnappte nach Luft. Er schluckte die Bemerkung hinunter, die ihm auf der Zunge lag, und folgte seinem Freund.
Ihre Schritte hallten von den Wänden wider. Es war das einzige Geräusch, das sie umgab. Die beiden Männer wechselten auf ihrem Weg kein Wort miteinander. Jeder von ihnen hing seinen Gedanken nach und folgte dem Lichtsignal im Boden.
Das Echo ihrer Schritte ebbte ab. Offensichtlich näherten sie sich einer Wand. Ohne Vorwarnung blitzten mehrere Lichter über dem Boden vor ihnen auf. Storm kniff die Augen zusammen und hob die Hand schützend vors Gesicht. Langsam gewöhnten sich seine Augen an das Licht und konnten die Struktur eines quadratisch geformten Schleusenschotts ausmachen. Es war geschlossen und mochte über drei Meter an Kantenlänge messen.
John Storm legte den Kopf zurück und sah zur oberen Kante des Schotts.
»Und was jetzt?«, fragte Burke.
Wieder wurde ihm die Antwort abgenommen. Ein leises Zischen ertönte. Die vier Teilsegmente des Schleusentors glitten zu den Ecken weg und verschwanden in der Wand. Vor ihnen öffnete sich ein schwach erhellter Korridor. Doch der Durchgang wurde ihnen von einem gewaltigen Schatten versperrt.
»Heilige Sch…!«, entfuhr es Burke. Er riss den Kopf hoch und taumelte zurück. Die mechanischen Augen eines Roboters richteten sich ausdruckslos auf ihn.

 

John Storm schluckte. Sein Hals brannte.
Auch er hatte alle Mühe, seine Fassung zu bewahren, und starrte den stählernen Giganten an.
Er maß weit über zwei Meter an Körpergröße und hatte annähernd menschliche Gestalt, mit zwei Beinen und zwei Armen, die in kräftigen Gliedmaßen endeten. Der konisch geformte Oberkörper allein machte mit seiner wuchtigen Konstruktion jedes Vorbeikommen unmöglich.
Auf dem kurzen Hals saß ein Kopf, der entfernt an einen Totenschädel erinnerte. Dieser Eindruck wurde vor allem durch die beiden Kieferplatten hervorgerufen, die zu einem kalten Grinsen geformt waren.
Sollte sie der Gigant angreifen, hatten sie nicht den Hauch einer Chance. Dessen war sich Storm bewusst. Sie waren unbewaffnet. Und mit ihrer körperlichen Kraft allein konnten sie dem Roboter nichts entgegensetzen.
Er überlegte fieberhaft. Eine Flucht war sinnlos. Selbst wenn sie bis zum Gleiter kamen, würden sie nicht starten und diesem unterirdischen Hangar entfliehen können.
Der Roboter richtete nun seinen Blick auf Storm und beugte sich leicht vor.
»Willkommen«, erklang eine fein modulierte, mechanische Stimme aus dem Kieferbereich und begrüßte sie in perfektem Englisch. »Ich freue mich, dass ihr endlich den Weg hierher gefunden habt. Eure Ankunft wird schon viel zu lange erwartet.«
John wechselte einen Blick mit Burke. Dieser starrte mit offenem Mund zuerst seinen Freund, dann den Koloss vor sich an.
»Du – hast uns erwartet?«, überwand Storm seine Fassungslosigkeit.
»Ja«, folgte die Antwort.
»Gibt es noch weitere wie dich hier?«
»Nein. Es gibt immer nur einen Bewahrer.«
»Bewahrer …«, wiederholte Storm. »Was bewahrst du? Und für wen? Wer, ich meine, wer hat das alles hier erbaut?«
»Die Erbauer.«
John Storm rieb sich die Nasenwurzel und verzog den Mund. Er befürchtete, dass ihm diese Maschine nur das beantworten konnte, was ihr als Wissen einprogrammiert worden war.
»Diese Erbauer – sind sie wie wir? Sehen sie aus wie wir?«
»Nein.«
Storm überlegte. »Ist einer der Erbauer hier an Bord dieser Station?«
»Nein. Dafür bestand keine Veranlassung.«
»Kannst du uns zeigen, wie sie aussehen?«, fragte der Pilot.
»Das ist zur Erfüllung eurer Bestimmung nicht von Bedeutung.«
John glaubte fast, einen gereizten Unterton in der mechanischen Stimme auszumachen.
Burke hob abwehrend die Hände und wich einen Schritt zurück. »Whoa, langsam! Moment! Was soll das heißen: ›unsere Bestimmung‹?«
»Rick«, versuchte Storm seinen Freund zu beruhigen und machte mit der Hand eine beschwichtigende Geste. Er wollte nicht riskieren, dass der Koloss sie aufgrund ihres Verhaltens als Bedrohung einstufte. Bevor Richard Burke etwas sagen konnte, wandte sich John wieder an den Roboter.
»Kannst du uns etwas über unsere … Bestimmung mitteilen?«
»Ihr werdet sie erfahren, sobald ihr vollzählig seid.«
Storm kniff die Augen zusammen. »Vollzählig?«
»Diese Station kann ihre Funktion erst aufnehmen, sobald alle Einheiten wie vorgesehen ihre Position eingenommen haben. Wie ist deine Bezeichnung, Einheit?«
Storm hatte die Ausführungen des Roboters noch nicht verarbeitet und wurde von der Frage vollkommen überrascht.
»Wie?! – Storm, John Storm.«
»Wann kann mit dem Eintreffen der restlichen Einheiten gerechnet werde, Stormjohnstorm? Der Zeitplan ist lange überschritten. Diese Verzögerung kann unabsehbare Folgen haben.«
John lachte heiser auf. »Langsam! Zuerst einmal heißt es nur ›John Storm‹.« Er strich sich mit der rechten Hand über den schweißnassen Nacken. Es lag ihm auf der Zunge zu sagen, dass er nicht im Geringsten wisse, wovon der Roboter sprach. Storm hatte den Mund bereits geöffnet, um das offensichtliche Missverständnis aufzuklären. Doch im letzten Moment wurden ihm die Konsequenzen bewusst, sollte er das tun.
Er schloss die Augen und atmete tief durch.
»Es kam zu unvorhergesehenen Verzögerungen«, setzte er an. »Unsere Aufgabe ist es, diese Station für das Eintreffen der Einheiten vorzubereiten.«
»Was?!«, entfuhr es Burke. »Was erzählst du denn da für einen …!«
»Sei still, Rick!«, zischte John ihm so leise wie möglich zu. Er packte seinen Freund bei der Schulter und zog ihn zu sich her. Storm beugte seinen Kopf vor und flüsterte Burke ins Ohr.
»Dieser Roboter erwartet jemanden. Ich will nicht herausfinden, was er mit uns macht, wenn wir zugeben, dass wir nicht diejenigen sind, auf die er wartet.«
Richard Burke stöhnte leise auf und wandte den Kopf, bis sich ihre Augen trafen.
»Ach, du Sch…! Tut mir leid, das habe ich gar nicht bedacht«, gab er leise zurück. Die Maschine schien von ihrer Unterhaltung nichts mitzubekommen. Sie stand regungslos auf ihrem Platz, behielt aber mit ihrem leicht nach vorne gebeugten Kopf die beiden Männer genau in ihrem Blick.
Die Piloten sahen auf und warteten auf eine Reaktion.
»Ich führe euch zu einem Kontrollraum, johnstorm«, folgte die Antwort des Roboters. »Dort könnt ihr euch selbst vom Zustand der Station überzeugen.«
»Einverstanden«, stimmte Storm zu. Er hoffte, dort einige Antworten auf seine unausgesprochenen Fragen zu erhalten.
»Wie ist deine Bezeichnung, Einheit?«, wandte sich die Maschine an Burke. Dieser verzog die Lippen und nuschelte seinen Namen.
»Dann folgt mir, johnstorm und richardburke!«, wies sie der Roboter an. Es klang unfreiwillig komisch, ihren Namen so ausgesprochen zu hören, doch nach Lachen war den beiden Männern in diesem Augenblick nicht zumute.

 

Sobald sie den Korridor betraten, schlossen sich hinter ihnen lautlos die Türsegmente der Schleuse. Storm sah zu, wie die einzelnen Platten ineinander fuhren und mit einem dumpfen Schnappen arretiert wurden. Sein Herzschlag beschleunigte sich. In diesem Augenblick fühlte er sich, als säße er nun wirklich in einer Falle.
Er folgte dem Roboter, der sich auf seinen stelzenhaften Beinen überraschend leichtfüßig und zügig bewegte.
Der Durchgang, der nur durch einen schmalen, leuchtenden Streifen in den Wänden auf Kopfhöhe erhellt wurde, verlief in einer leichten Linksbiegung.
Bis auf sein eigenes Atmen konnte John Storm kein Geräusch wahrnehmen. Selbst der Klang ihrer Stiefel wurde anders als im Hangar vom Bodenbelag vollkommen absorbiert. Der Pilot wandte sich um. Obwohl die Biegung nur in einer schwachen Kurve verlief, konnte er bereits jetzt nicht mehr das Schleusentor erkennen.
Der Gang mündete vor ihnen in einem kreisrunden Raum von gut zehn Metern Durchmesser. Auch dieser war nur notdürftig beleuchtet. Am gegenüberliegenden Ende waren drei weitere Schotts in die Wand eingelassen. Storm trat ein, wobei er instinktiv einen gewissen Abstand zu dem Roboter hielt. Er sah sich um.
Entlang der Wand standen Sessel um Aufbauten, die ihn an Kommandokonsolen wie die auf Dark Side One erinnerten. Allerdings ließen die verblendeten Terminals keinen Blick auf ihre Technologie zu. In der Mitte des Raums stand ein ringförmiges Pult, das etwa drei Meter durchmaß. In seine Auflagefläche waren in regelmäßigen Abständen kleine Erhöhungen eingearbeitet. Die gesamte obere Hälfte nahm eine dunkel schimmernde, glasartige Kuppel ein.
Storm stellte mit einer gewissen Beruhigung fest, dass sämtliche Aufbauten von den Abmessungen her denen für Menschen entsprachen. Wer immer diese verborgene Station erbaut haben musste, schien zumindest die Körpergröße mit den Bewohnern der Erde gemein zu haben.
Er hielt für einen Moment in seinen Gedanken inne. Ihm wurde bewusst, dass es für ihn inzwischen eine Tatsache war, dass diese Einrichtung nicht von Menschen erbaut sein konnte. Und er war erstaunt über sich selbst, mit welcher Selbstverständlichkeit er diese Erkenntnis hinnahm. Ein Seitenblick auf seinen Freund zeigte ihm, dass dieser viel mehr mit seiner Fassung zu ringen schien. Rick stützte seine Hände auf den ringförmigen Pult, und John sah, wie seine Hände dabei zitterten.
»Geht’s?«, fragte Storm.
Burke stieß seinen Atem aus. »Was denkst du denn?«, gab er zurück und wischte sich mit dem Handrücken über den Mund.
Der Roboter stellte sich in die Mitte des Raums und schien auf weitere Anweisungen zu warten. John ging auf ihn zu.
»Kannst du diese Anlage für uns aktivieren?«, fragte er.
»Sie ist bereits aktiviert. Durch euren Erkennungscode.«
»Unseren –?«, stutzte der Pilot. Er konnte sich nicht erinnern, einen Code gesendet zu haben. Hinter ihm lachte Burke leise auf.
»Unser Peilsignal, John. Erinnere dich daran, wann wir die Kontrolle über die XG-1 verloren. Das war, nachdem wir das Signal für den Instrumentenflug angepeilt hatten.«
Rick löste sich vom Pult und ging auf seinen Freund zu. Er hielt beim Sprechen die Hand vor den Mund, um seine Stimme zu dämpfen.
»Irgendwie – und frag mich bitte nicht, wie – scheinen unser Signal und dieser Code sich so weit zu ähneln, dass wir damit die Station aktiviert haben. Das ist reiner Zufall, dass wir hier sind. Aber mach das mal dieser Maschine klar, ohne dass sie uns rauswirft.«
Storm verzog die Lippen. »Du hast wohl recht«, gab er leise zurück. »Aber diese Station wartet auf die Ankunft von Menschen. Und dieser Roboter spricht unsere Sprache.« Erst jetzt machte er sich dieses Detail bewusst. John hob den Kopf an.
»Bewahrer, wie hast du unsere Sprache gelernt?«
»Euer Sprachmuster war nicht in der Datenbank. Analyse eures Funkverkehrs sowie der Gesprächsmatrix im Kontakt mit euch.«
Burke schnaufte. »Der hat sich unsere Sprache in dieser kurzen Zeit selbst beigebracht.«
Storm zuckte mit den Schultern. »Wundert dich das, mein Alter? Für eine Technologie, die unserer so weit voraus sein dürfte, sollte das eine Kleinigkeit sein.«
»Du weißt immer, wie du mich beruhigen kannst«, spottete sein Freund und fuhr sich über die Bartstoppel an seinem Kinn. John ging auf die Bemerkung nicht weiter ein. Ihn beschäftigte eine andere Frage.
»Wie lange ist diese Station schon in Bereitschaft?«, richtete er sie an den Roboter.
»Achttausendzweihundertdreiundsechzigkommafünfzwei Umdrehungszyklen«, kam die Antwort, ohne zu zögern.
John Storm schluckte. Wenn mit den ›Zyklen‹ Jahre gemeint waren, dann existierte dieser unterirdische Komplex bereits, bevor die ersten Frühkulturen auf der Erde ihr Nomadenleben aufgegeben hatten und sesshaft geworden waren. 8200 Jahre …
»Seit wann – ich meine, wie lange bist du schon in Betrieb?«, fragte er den Bewahrer.
»Wir werden alle zweiundsechzig Zyklen erneuert. Mein Intervall endet in vierkommadreisieben Zyklen.«
Diese Station muss sich in den Jahrtausenden vollkommen automatisiert selbst verwaltet haben, ging es Storm durch den Kopf. Lebewesen, die die Vorgänge kontrollierten, waren nach Aussage des Roboters ja nicht an Bord.
»Können wir diese Anlagen sehen, in denen du erneuert wirst?«
»Erst bei vollzähliger Besatzung. Erst dann kann diese Station ihre Funktionen vollständig aufnehmen.«
John versuchte, all die Gedanken zu ordnen, die ihm durch den Kopf schossen.
»War diese Station jemals im Einsatz?«, fragte er.
»Nein. Sie wurde für euch errichtet.«
Storm überlegte.
»Du hast vorhin gesagt, die Erbauer haben diese Station errichtet. Wo finden wir diese Erbauer?«
Statt einer Antwort leuchtete über ihm die Glaskuppel auf. Für einen Moment stockte Storm der Atem. Über ihm leuchteten an einem nachtschwarzen Firmament zahllose Sterne auf. Obwohl er wusste, dass sie sich Dutzende von Metern unter der Oberfläche befanden, wirkte die Darstellung so real, dass er glaubte, unter freiem Himmel zu stehen.
Die Sternenkarte drehte sich um ein paar Grad. Sie justierte sich auf eine kleine, gelbe Sonne in einem der äußeren Arme der Galaxis und zoomte dann heran, bis sie die Planeten des Sonnensystems in schematischen Umlaufbahnen abbildete. Das Bild blieb nur wenige Sekunden bestehen, dann zeigte die Abbildung wieder die Sternenkarte mit ihrer Sonne im Mittelpunkt und richtete sich auf eine andere Sonne aus. Fremdartige Schriftzeichen wurden an beiden Sternen eingeblendet und fortlaufend ergänzt.
»Kannst du die Schrift in einer für uns lesbaren Form einblenden?«, fragte Storm.
»Es ist die Schrift der Erbauer«, antwortete der Roboter nur.
»Was für ein Stern soll das sein, John?«, fragte Burke. »Verdammt, es kann doch keiner erwarten, dass wir Sternenkarten freihändig lesen!«
»Da müssen unsere Astrogatoren ran«, antwortete ihm Storm. »Kendo kann damit wohl mehr anfangen als wir.« Er richtete seinen Blick auf den Bewahrer.
»Ist das euer Heimatstern?«, wollte er wissen.
»Ihr findet dort die Erbauer. Weitere Informationen stehen mir nicht zur Verfügung.«
John stemmte die Hände in die Hüfte und blickte zu Boden.
»So kommen wir nicht weiter, Rick! Der Roboter hat nur ein begrenztes Wissen. Nicht mehr, als er zur Erfüllung seiner Aufgabe benö…«
In seinem Helm knackte es plötzlich, dann folgte ein Rauschen. Storm glaubte sogar, eine kaum wahrnehmbare Stimme zu hören. Er sah zu Richard Burke. Dessen Gesichtsausdruck und der Griff an den Helm zeigten ihm, dass er es auch gehört hatte.
»–en Sie mich?«, klang es nun wie aus weiter Ferne aus dem Helmfunk.
»Hier Storm!«, rief er in den Raum hinein. »Können Sie mich verstehen? Peilen Sie unsere Position an!«
Die nächsten Sekunden folgte nur Rauschen, dann war die Stimme wieder zu hören, diesmal deutlicher.
»Hier Asmussen von Außenteam eins. Wir können Sie nun orten. Aber, gute Güte, Sie befinden sich eine halbe Meile unter der Oberfläche!«
John Storm musste unwillkürlich auflachen.
»Es geht uns gut.« Er warf Rick einen Blick zu. Dieser machte mit der Hand eine abwägende Bewegung, als sei er mit dem Begriff ›gut‹ nicht ganz einverstanden.
»Wir haben schon befürchtet, Sie seien abgestürzt. Nachdem Sie vom Radar verschwunden waren und nicht mehr auf unsere Anfragen reagiert haben, haben wir uns umgehend auf die Suche gemacht. Doktor van Scott leitet das andere Team. Es sucht einen anderen Sektor ab. Wir haben ihn bereits informiert. Himmel, was ist mit Ihnen geschehen?«
»Das ist eine lange Geschichte, Mister Asmussen. Und ich bin froh, Ihre Stimme zu hören.«
John wandte sich an den Roboter. »Bewahrer, da draußen sind weitere – Einheiten von uns. Kannst du sie auf demselben Weg in die Station bringen wie uns?«
»Ja.«
»Warte noch damit!« Storm hob die Hand. »Asmussen, können Sie mich hören?«
»Schwach, aber deutlich.«
»Hören Sie nun genau zu! Informieren Sie van Scott, sich mit Ihnen am Krater zu treffen! Ich gehe davon aus, dass Sie uns in zwei Falcon-Transportern suchen, richtig?«
»Korrekt.«
»Versuchen Sie, Ihre Position so gut wie möglich zu halten! Ich weiß, das ist mit den Schubdüsen der Transporter leichter gesagt als getan. Ich gebe Ihnen dann ein Zeichen – und von da an wundern Sie sich bitte nicht.«
»Ich verstehe nicht –?«, gab die Stimme zurück.
»Sie werden verstehen«, antwortete Storm mit einem schmalen Lächeln.

 

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