Vier Wochen Autorenvertrag mit mir selbst – ein Protokoll

Nachdem ich dieses Jahr nicht wirklich viel geschrieben bekommen habe („Der Pakt der Nacht“ hatte ich Ende Dezember abgeschlossen, „16 Shades of Greytones“ war ein Just for fun-Kurzroman), hatte mir just meine Mutter den nicht ernst gemeinten Tipp gegeben, doch mit mir selbst einen Vertrag abzuschließen.

Das habe ich nach kurzem Überlegen für eine alles andere als unsinnige Idee gehalten und das Schriftstück aufgesetzt.
Sechs Seiten Autorenvertrag, der alle Verbindlichkeiten regelt, ausgedruckt und unterschrieben. Wer möchte, kann ihn sich bei der Self-Publisher-Bibel von Matthias Matting gerne herunterladen.

Nun ist es eine Sache, einen Vertrag mit sich selbst aufzusetzen, eine andere, ihn zu erfüllen.
Vorab: ich habe das Vorhaben ernst genommen (und tue es auch weiterhin). Ich unterschreibe nicht bedenkenlos irgendwelche Verträge, und seien es nur rechtlich nicht bindende mit mir selbst.

Der Vertrag galt ab dem 1. Juni, prompt ein Montag, also wie geschaffen für mich, als Autor bei mir als Verleger anzufangen.

Woche 1, Montag:
Das altbekannte Wehgeklage. Was hatte ich mir dabei denn gedacht? Schreiben mit festen Arbeitszeiten? Ich möchte meinen Anwalt sprechen! Oder meinen Botschafter! Kurz gesagt, außer viel Selbstmitleid habe ich an dem Tag nichts zustande gebracht.

Woche 1, Dienstag:
Das Jammern geht weiter, wird aber leiser. Ich schaue wenigstens in das Manuskript, an dem ich ja schon 47.000 Zeichen im Februar geschrieben hatte, und lese mir den bisherigen Text durch. Mmh, eigentlich wäre es ja schon schön, weiterzuschreiben. Also, hingequält und um die 1.500 Zeichen geschrieben.

Woche 1, Mittwoch:
Langsam läuft es, 17.000 Zeichen. Noch nicht die angepeilten 25.000, aber immerhin.

Woche 1, Donnerstag:
Es läuft nicht richtig. Ein paar tausend Wörter. Frust. Ich vermisse den Elan vom Vortag.

Woche 1, Freitag:
Ah, jetzt geht’s wieder. Ich schaffe um die 20.000 Zeichen, insgesamt bin ich nun bei 91.000.

Wochenende: vertraglich zugesichert, also wird gefaulenzt.

Woche 2, Montag:
Ja wie, schon wieder schreiben? Habe ich doch letzte Woche erst! Mein innerer Schweinehund winselt wie ein Golden Retriever, der seit fünf Minuten nichts mehr zu futtern bekommen hat. Es werden wieder nur ein paar tausend Zeichen.

Woche 2, Dienstag bis Freitag:
Es läuft. Mit unterschiedlicher Tagesform, aber immerhin. Am Ende der zweiten Woche habe ich 185.000 Zeichen, deutlich mehr als die vorgesehene Hälfte. Nach zwei Wochen. Der Klappentext ist auch fertig, langsam nimmt das ja doch Form an.

Wochenende: Hm, würde ja gerne weiterschreiben, aber Pause ist vertraglich vereinbart. Blöde. Wann ist Montag?

Woche 3, Montag bis Mittwoch:
Ich hämmere auf die virtuelle Tastatur ein, dass das Glasdisplay Dellen bekommt. 56.000 Zeichen in drei Tagen. Langsam! Lass dir noch was für die vierte Woche!

Woche 3, Donnerstag:
Es ist heiß, ich bekomme nichts auf die Reihe und bin sowas von froh, wie es die drei Tage zuvor gelaufen ist. Abhaken. Gut, ich gönne mir auch Lachshäppchen und einen Gewürtzraminer. Voller Thomas schreibt nicht gern. *hüstel*

Woche 3, Freitag:
Heute läuft alles schief oder lenkt mich ab. Meine Konzentration geht gegen Null. Immerhin schaffe ich spät nachts noch 10.000 Zeichen, die Autorenehre bleibt gewahrt, und ich gehe mit 249.000 Zeichen und drei Vierteln des Romans ins Wochenende.

Wochenende: Durchschnaufen und Prioritäten neu setzen bzw. klären.
Meine Romane gehen vor. Der primus inter pares funktioniert nicht. Ich erkläre meine Autorentätigkeit zum absolutistischen Herrscher. Alle anderen Projekte haben sich nach meinem Anspruch zu richten, dass ich schreiben will.

Woche 4, Montag:
Ich schreibe mir die letzten Szenen noch mal detailliert auf, Zielgerade. 23.000 Zeichen, einer der besten Tage.

Woche 4, Dienstag:
Ich will langsam fertig werden, also noch mal so eine Sitzung. 20.000 Zeichen.

Woche 4, Mittwoch:
Argh, was ist los?! Das letzte Kapitel, und ich hänge fest! Echt jetzt? Aufstehen, rumtigern, Handlung wie im Film ablaufen lassen, einfach nur zusehen, wie die Figuren sich so verhalten – und plötzlich läuft’s wieder. 13.000 Zeichen später, und der Roman ist fertig, mit insgesamt 305.000 Zeichen (bzw. 47.000 Wörter).


Ich habe selten so viel über mich und die Art gelernt, wie ich schreibe oder wie ich an Szenen und Romane herangehe. Ich kann nun gezielter den Finger auf meine Schwächen legen, aber auch meine Stärken.

Die vorgegebenen 25.000 Zeichen am Tag sind ein Maximum, an das ich an drei, vier Tagen rankam. Ich setze sie mir aber nach wie vor als Ziel. Alleine mit 16.000 Zeichen habe ich einen Roman im für mich typischen Umfang in vier Wochen geschrieben.  Mehr braucht’s nicht.
Also, Ziele hoch stecken, aber nachhaltig anpeilen.

Wie zwingt man sich zum Schreiben? Ganz einfach: Hinsetzen und schreiben. Erschreckend einfach, nicht? Das ist das ganze Geheimnis.
Wenn man wirklich schreiben will (und zumindest das weiß man nach solchen vier Wochen aber sowas von sicher über sich selbst!), fängt man wie von selbst damit an, sobald man an der Tastatur sitzt. Das ist wie der Impuls, zu Naschereien zu greifen.

ABER

Das funktioniert nur, wenn man sich nicht ablenken lässt! Und sich die Zeit nimmt (bzw. nehmen kann), den Kopf fürs Schreiben freizubekommen.
Ich habe mir jeden Tag mindestens eine Stunde vor Schreibbeginn Telefon- und Internetverbot erteilt. Kopfhörer auf, Musik gehört, gedöst oder ein wenig gelesen – am besten aus dem Genre, das man schreiben möchte, um in die Stimmung reinzukommen.
Es erinnert ganz bewusst an das Aufwärmtraining beim Sport. Und genau dazu dient es. Ich habe schließlich vor, die darauf folgenden Stunden intensiv zu schreiben.

Der mit Abstand wichtigste Schritt dabei: ich habe meine privaten Aktivitäten bei Facebook mehr oder minder beendet. Und ich werde nicht wieder damit anfangen.
Ich bin nach wie vor auf meinen Fanseiten aktiv und melde mich als Autor zu Wort. Aber die Zeit und die Aufmerksamkeit, die gerade mein Privatvergnügen bei Facebook eingefordert hat – hier ein Gefällt mir, da ein Kommentar, dort noch ein externer Link, huch, wo ist die Zeit hin? -, lässt mich im Nachhinein über mich selbst den Kopf schütteln.

Wenn ich erst einen Autorenvertrag mit mir selbst benötige, um endlich mit dem Schreiben anzufangen und das auch dauerhaft als Schwerpunkt in meinem Leben einzurichten, dann war es diese schrullige Vorgehensweise wert.

Hier gilt die alte Regel „Alles was hilft, ist gut“.
Per aspera ad fabula. 🙂



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Posted by Thomas 2 Comments

2 comments

  • beachwanderer sagt:

    MoinMoin!

    Das ist ja schick. Auch eine Möglichkeit. Selbstmotivation (für jede Art selbständiger Arbeit) ist wirklich ein ständiger Kampf, der immer neue Ansätze verlangt … Aber was kommt nächsten Monat? Eine Vertragsergänzung? Bonussystem? Oder religiöser Ansatz: Opferverpflichtung des Autors für den Altar des Verlegergottes? ;o) Gutes Gelingen und Gruß!

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