„Das Vermächtnis der Rebellion“ – Leseprobe

1.

 

Dhenera, im Äußeren Nebel

Sand. Überall war Sand.

Kiera Tash presste den Atemfilter gegen ihr Gesicht und zog die Gurte stramm, bis sie schmerzhaft in ihr Kinn schnitten. Sie zerrte eine Strähne ihres feuerroten Haars unter einem der Riemen hervor und schüttelte den Kopf.

Die staubfeinen Körner perlten fortwährend von ihrem Visier und erschwerten ihr die Sicht. Von ihrem Raumgleiter musste sie gerade einmal hundert Meter zu dem gedrungenen Terminal zurücklegen. Doch schon nach wenigen Schritten war jedes Gebäude um sie herum nur noch schemenhaft auszumachen.

Die junge Frau fluchte und sah sich um. Lumineszierende Punkte drangen durch den ockerfarbenen Wirbel. Positionslampen, eingelassen in die Betonplatten der Landebahn. Kiera orientierte sich an ihnen. Sie war auf ihrem kurzen Weg bereits nach rechts abgedriftet. Der Wind zerrte an ihrem beschichteten Druckanzug, und die Pilotin war froh, ihre legere Fliegerkombination an Bord der ›Lost Soul‹ gelassen zu haben. Sie hätte ihr bei diesen Witterungsbedingungen keinen Schutz geboten.

Dhenera galt als unwirtlicher Wüstenplanet. Kiera seufzte in ihre Atemmaske. Sie hatte ihn sich bei Weitem nicht so unwirtlich und so wüst vorgestellt. Die extremen Wetterverhältnisse sorgten allerdings auch dafür, dass die wenigen Wacheinheiten des Protektorats nicht mehr Kontrollen durchführten als unbedingt nötig. Kampfdroiden konnte man in dieser Umgebung nicht einsetzen. Der Sand setzte sich innerhalb weniger Minuten in den Gelenken und Scharnieren fest und verklebte sie.

Dhenera war daher wie geschaffen für Transaktionen, von denen das Protektorat von Sol’Terra nichts wissen sollte. Solche wie die, die Kiera für ihre Auftraggeber durchführte. Unter anderen Umständen hätte man ihr solch eine Aufgabe bei ihrer ersten eigenständigen Mission niemals anvertraut. Aber nachdem der Widerstand vor zwei Jahren fast vollständig zerschlagen worden war, ließen die verbliebenen Rebellenfraktionen jeden fliegen, der über ein Raumfahrerpatent verfügte. Oder etwas vorweisen konnte, das entfernt danach aussah.

Kiera grinste bei dem Gedanken freudlos. Diese Notlage brachte die Rebellenfraktionen nur in noch ärgere Bedrängnis. Viele der unerfahrenen Heißsporne überlebten ihren ersten Einsatz nicht. Und die weniger mutigen ließen sich ohne Gegenwehr von Patrouillenschiffen aufbringen.

Mit ihren einundzwanzig Jahren war sie zudem eine der jüngsten Pilotinnen, die über ein eigenes Schiff befehligten. Auch wenn es ein alter Seelenverkäufer wie die ›Lost Soul‹ war.

Sie hatte fast ihr ganzes Leben im Weltall verbracht und navigieren gelernt, bevor sie vor zehn Jahren ihren ersten Planeten betreten hatte. Auf dem ihr Vater begraben lag, und der beinahe auch sie das Leben gekostet hätte.

Kiera presste die Lippen aufeinander und verdrängte die Erinnerungen, die sich in ihr Bewusstsein stehlen wollten. Sie war froh, dass sich in diesem Augenblick eine Flanke des Terminals als graubrauner Schatten aus dem Sand schälte und konzentrierte sich auf ihren Auftrag. Die junge Pilotin suchte nach der Zugangsschleuse und hämmerte gegen den leuchtenden Schalter neben dem Schott.

Eine Lampe blinkte über ihrem Kopf auf. Hydraulische Ventile zischten. Das Schleusentor ruckte in seiner Arretierung und öffnete sich schwerfällig. Der Lack auf der Außenseite war durch den Sand längst abgeschmirgelt worden.

Sie betrat die Schleusenkammer und atmete auf, als sich das Schott hinter ihr schloss. Frisch recycelte und angereicherte Luft strömte ein. Kiera nahm ihre Atemmaske ab, hakte sie an einem Karabiner am Gürtel ein und legte den Kopf zurück. Mit der linken Hand fuhr sie sich durch ihr verschwitztes Haar und lockerte die Strähnen mit den Fingern auf. Feine Staubkörner rieselten zwischen ihren Fingern zu Boden.

»Protokolldaten«, schnarrte eine automatische Stimme aus dem Empfangsschalter vor ihr. Gleichzeitig flammte die schematische Abbildung einer Hand auf.

Kiera legte ihre Handfläche darauf.

»Tash, Kiera. Patent 832-Q, ausgestellt auf Beta Eridianis C«, erklärte sie.

Sie musste warten, bis die biometrischen Daten ihrer Hand sowie die Genprobe der Hautpartikel gegengeprüft waren. Das Display leuchtete grün auf. Auf wenn das Protektorat hier draußen im Äußeren Nebel nur wenig Präsenz zeigte, verzichtete es nicht darauf, jede Flugbewegung in seinem Einflussbereich aufzuzeichnen.

Natürlich hätte sie ihre Daten fälschen können. Doch indem sie ihre Identität offenlegte, blieb ihr Auftreten als Frachterkommandantin, die hin und wieder schmuggelte, für die Geheimdienste unverdächtig.

Die innere Schleuse öffnete sich, und Kiera betrat den Hauptbereich des Terminals, der gleichzeitig die größte Siedlung auf Dhenera beherbergte. Aufmerksam blickte sie sich um.

Auf mehreren unterirdischen Ebenen erstreckten sich Wohn-, Handels- und Vergnügungsviertel. Der karge Planet besaß einige Vorkommen an Bodenschätzen. Nicht so viele, um von zentraler Bedeutung für die Sternensysteme zu sein. Doch er bot vielen, die nach den Feudalkriegen von 3281 und der anschließenden ›Phase der Rekonstruktion‹ durch das Protektorat heimatlos geworden waren, eine Möglichkeit, zu überleben.

»Ich hab’s tatsächlich geschafft, mich nicht zu verlaufen, Trevayne«, sprach sie in das dünne Bügelmikrofon, das von der Ohrklemme herabhing.

»Gutes Mädchen!«, lobte sie ihr Copilot. »Ich wäre da draußen ertrunken.«

Kiera grinste. Für eine para-amphibische Gattung wie einen Ankhtharier war das eine nicht ganz ernstzunehmende Aussage. Doch Trevayne hatte darauf bestanden, an Bord zu bleiben. Er war nicht von dem Gedanken abzubringen, der Sand könne zwischen die empfindlichen Atmungslamellen unter seinen Hautlappen geraten.

Sie vermutete, dass er ganz froh darüber war, an Bord zu bleiben. Kiera seufzte. Sie konnte ihn verstehen. Auch sie zog die Abgeschiedenheit ihres Raumschiffs vor. Dort war sie es, die alles unter Kontrolle hatte.

Die junge Pilotin blieb vor einer Übersichtstafel stehen und suchte nach ihrem Ziel. Schließlich hatte sie eine Mission auf diese Wüstenwelt geführt. Sie hatte den Auftrag erhalten, eine Ladung Medikamente zu übernehmen, die auf Calliope, einem der wenigen verbliebenen Stützpunkte im Inneren Nebel, benötigt wurden.

Kiera suchte auf der dreidimensionalen Darstellung nach der ›Jack of Vances‹, der Bar, in der ihr Kontaktmann warten sollte, und ließ sich die Route aufzeigen. Sie überspielte die Wegbeschreibung auf ihre Datenbrille und klappte das Mono-Okular vor ihr linkes Auge. Auf dem Glas wurde der Weg als perspektivische Linie vor ihr angezeigt, unterstützt durch Hinweise einer modulierten Frauenstimme.

Sie war dankbar für die Hilfestellung. Für solch einen abgelegenen Planeten herrschte auf den Ebenen Hochbetrieb, und bei ihrer Körpergröße von gerade einmal ein Meter siebzig konnte Kiera oftmals nicht über die Köpfe der Personen um sie herum hinwegsehen.

Es überraschte sie nicht, wie viele verschiedene Rassen sich gerade in den Einkaufs- und Vergnügungsebenen aufhielten. Dhenera war wie die wenigen anderen bewohnbaren Planeten am Rande des Äußeren Nebels, der den erforschten Bereich der Galaxis begrenzte, ein Sammelbecken für alle, die Abwechslung nach Wochen im All suchten.

Menschen konnte sie nur vereinzelt ausmachen. Wer sich im äußeren Sektor aufhielt, hatte als Abkömmling des Solsystems im Allgemeinen seine Gründe, dem Protektorat aus dem Weg zu gehen. Daher zog die junge Pilotin auch immer wieder die Aufmerksamkeit auf sich.

Sie senkte den Kopf und wich den Blicken aus. Unwillkürlich strich sie ihr Haar über ihre rechte Gesichtshälfte und hoffte, dass es die Narben um ihr Auge und ihre Wange verdeckte. Kiera fühlte unter dem ständigen Körperkontakt, der in dieser Enge unvermeidlich war, einen wachsenden Druck auf der Brust. Ihre Hände begannen zu schwitzen.

Ergeben schloss sie die Augen und ging stoisch weiter. Doch sie bedauerte es in diesem Moment zutiefst, dass Trevayne sie nicht begleitete.

Jemand rempelte sie an. Sie hörte etwas, von dem sie nicht wusste, ob es eine Entschuldigung oder ein Vorwurf war. Kiera ballte ihre Hände zu Fäusten, stieß ihren Atem gepresst aus und konzentrierte sich auf ihre Aufgabe.

Über einen breiten Rollsteig erreichte sie endlich die gewünschte Ebene. Sie atmete erleichtert auf, dem Gewühl der vollen Straßen wenigstens für ein paar Augenblicke zu entkommen. Die ›Jack of Vances‹ lag am Rand einer künstlichen Oase mit Grünanlagen und Brunnen, die die terranische Herkunft der Erbauer der Anlage erkennen ließen.

Drei Ebenen über ihr erstreckte sich an der Decke ein holografischer Sternenhimmel, über den die beiden Monde, die Dhenera tatsächlich besaß, als Projektion hinwegzogen.

Kiera erreichte die Bar und tauchte in die dämmrige, rauchverhangene Umgebung ein. Sie streckte sich, steuerte auf den Tresen zu und klopfte auf die fleckige Echtholzplatte, um den Barkeeper auf sich aufmerksam zu machen.

Der Hoth’at drehte sich zu ihr um. Während sich eines seiner Augen auf sie konzentrierte, blickten die anderen gleichzeitig fünf weitere Gäste an.

»Was darf’s sein?«, fragte er in klarem Interlingo. Hoth’at besaßen die Fähigkeit, ihre Artikulation an das Hörverständnis nahezu jeder bekannten Rasse anzupassen, weshalb man sie vor allem als Vermittler oder im diplomatischen Dienst fand. Kiera fragte lieber nicht, warum dieser ausgerechnet in einer Bar auf dieser Welt arbeitete.

»Ich habe hier eine Verabredung«, erklärte sie so leise wie möglich. »Ein … Händler erwartet mich.«

Der Hoth’at besah sich die junge Frau eindringlich und wies mit einem seiner vielgliedrigen Arme in den hinteren Bereich der Bar.

»Nische drei«, antwortete er ihr. »Und ich will hier keine Schießerei. Ich kenne euch Raumschiffcaptains«, betonte er mit einem Blick auf Kieras Blaster, der an ihrem Waffengurt hing.

»Er ist im Ruhemodus«, versicherte die Pilotin und bemühte sich, ihre Selbstsicherheit zu behalten.

»Das ist gut«, gab der Hoth’at zurück. »Denn meiner ist es nicht.«

Die junge Frau schluckte. Der eindringliche Blick aus den fremden Augen machte sie zunehmend nervöser. Sie ließ sich einen hochverdünnten Longdrink geben und war froh, sich an dem Glas regelrecht festhalten zu können. Kiera rief sich zur Ruhe und ging auf die erwähnte Nische zu.

Die halbrunde Sitzgruppe war nur durch ihre hohen Rückenlehnen vom übrigen Barbereich abgetrennt. Wirklich unter sich war man damit nicht gerade, stellte die Pilotin fest.

Der Mann, der dort Platz genommen hatte, erwartete sie bereits mit gefalteten Händen. Er deutete sowohl Lächeln wie Verbeugung an und bat sie mit einer Handbewegung, sich zu ihm zu setzen.

Kiera setzte sich ihm auf der durchgehenden Sitzbank leicht versetzt gegenüber, um ihn im Auge zu behalten. Sie bemühte sich, die kybernetischen Implantate nicht zu beachten, die Teile des vernarbten Gesichts einnahmen, darunter auch den gesamten Mundbereich.

»Kommandant Tash?«, löste sich die künstliche Stimme von den nachgebildeten Lippen. »Ich bin Elom, zweiter Seriph der Hagaddir-Familie. Willkommen auf Dhenera.«

Kiera verzog die Lippen. »Lassen wir die Höflichkeiten. Ich bin in etwas in Eile. Ihre Handelsgüter werden bereits dringlich erwartet.«

»So soll ein gutes Geschäft sein. Wir Hagaddir handeln, und wenn unser Kunde die Ware so herbeisehnt, erfreut uns das.« Der Mann breitete die Arme übertrieben einladend aus.

Die Pilotin merkte, wie trocken ihre Kehle war, und nahm einen kräftigeren Schluck als beabsichtigt von ihrem Longdrink. Die Flüssigkeit brannte im Hals, und Kiera verfluchte sich, nicht einfach ein Glas Wasser bestellt zu haben, egal, wie sie der Barkeeper dabei angesehen hätte.

»Allerdings gab es auf dem Flug hierher … Komplikationen«, fuhr der Hagaddir fort. Kiera verdrehte innerlich die Augen. Warum hatte sie damit nur gerechnet?

»Und diese … Komplikationen bedeuten sicher, dass Sie das Geschäft nicht wie vereinbart abschließen können, nicht wahr?«, antwortete sie bissig.

»Was soll man machen?«, seufzte die kybernetisch modulierte Stimme auf bizarre Weise. »Es sind erstaunlich viele Patrouillenboote in diesem Sektor. Zu unser aller Glück sind Protektorats-Kommandanten so fern von der Heimat offen für eine, nennen wir es, pragmatische Sicht der Dinge. Aber Pragmatismus hat hier draußen seinen Preis. Umsonst ist nur der Tod zwischen den Sternen. Und dem wollen wir doch alle entgehen.«

Kiera lehnte sich zurück und nestelte vom Tisch verborgen am Verschluss des Holsters. Mit einem Daumendruck aktivierte sie die Schussbatterie. Sie wollte vorbereitet sein, falls sich das Gespräch weiter so unangenehm entwickeln sollte.

»Wir haben einen Preis ausgemacht. Und diesen habe ich dabei. Acht Beryllium-Barren, natürlich gewonnen. Keine synthetischen«, machte sie klar.

»Und für diesen sollen Sie auch Medikamente erhalten, geschätzte Kommandantin«, beschwichtigte sie der Händler. »Nur eventuell nicht ganz so viele, wie ich mit Ihrem … Verbund zu besseren Zeiten, unter anderen Umständen ausmachen konnte.«

»Damit kann ich mich nicht einverstanden erklären!«, begehrte Kiera auf. Ihre Augen funkelten den Hagaddir wütend an. Sie wussten beide, dass er am längeren Hebel saß. Und das nutzte er gerade schamlos aus. Ihr Griff ging unwillkürlich zum Blaster, als sich etwas gegen ihren Rücken drückte.

»Ich sagte doch, ich will hier keine Schießereien«, vernahm sie die Stimme des Hoth’at.

»Die Energiesignatur war schnell zurückverfolgt. Deaktivieren, bitte!«, folgte die unmissverständliche Aufforderung mit einem schmerzhaften Druck in den Rücken. Kiera wusste nur zu gut, dass es die Mündung einer Waffe war, die sie durch ihre Kleidung spürte.

»Schon gut«, presste sie zwischen ihren Lippen hervor. Sie deaktivierte ihren Blaster und legte die Hände auf die Tischplatte.

»Sehr gut«, kommentierte der Barkeeper. »Und nun verlassen Sie bitte umgehend meine Bar. Sie haben beide Hausverbot.«

Der Mann von den Hagaddir sah zwischen Kiera und dem Hoth’at hin und her. »Ich bin ebenso entsetzt wie Sie«, beeilte er sich diesem zu erklären. »Aber Sie können mich doch nicht für ihr impulsives Verhalten zur Verantwortung ziehen! Ich erwarte heute noch zwei weitere Kunden hier. Wenn mich diese hier nicht antreffen …«

»Ich sagte, Sie gehen beide!«, erwiderte der Hoth’at unbeeindruckt. »Oder muss ich den Sicherheitsdienst rufen?«

»Das wird nicht nötig sein. Wir wollten gerade aufbrechen«, gab die Pilotin betont gelassen zurück.

Kiera stand langsam und mit leicht angehobenen Händen auf. Der Druck auf ihren Rücken verschwand. So unauffällig wie möglich ging sie zum Ausgang. Allerdings hatten mehrere Gäste den Vorfall am Rande mitbekommen und begafften sie interessiert.

Die junge Frau wurde zunehmend auf sich selbst wütend. Aufmerksamkeit war das Letzte, was sie auf diesem abgelegenen Planeten auf sich ziehen sollte! Sie trat auf den Vorplatz und stemmte die Hände in die Hüften. Kiera senkte den Kopf. Diesen Auftrag hatte sie ja gründlich vermasselt!

»Sie kosten mich viel Geld«, stahl sich eine Stimme zu ihr durch. »Die Rebellen scheinen wirklich verzweifelt zu sein, wenn sie Unterhändler wie Sie einsetzen. Nun gut … Wollen wir unsere Transaktion doch noch abschließen, dann kommen sie zu Hangar drei. In einer halben Stunde?«

Der Händler war an sie herangetreten und raunte ihr die Worte ins Ohr. Kiera wurde bei dem Geruch aus fauligem Atem und Maschinenöl übel.

»In einer halben Stunde«, bestätigte sie. »Ich bringe das Beryllium mit.«

Als sie sich umdrehte, sah sie nur noch den Rücken des Hagaddir. Der Mann beeilte sich, in der Menge zu verschwinden.

Kiera atmete durch. Sie schob ihr Bügelmikrofon nahe an den Mund.

»Trevayne?«, fragte sie und musste warten, bis sich ihr Copilot meldete. »Ich brauche dich hier. Also raus mit dir in den Sand!«

 

Hermetisch verschlossene Hangars, die ein Raumschiff vor den Witterungsbedingungen schützten, konnten sich auf Dhenera nur die wenigsten leisten. Die meisten von ihnen waren ohnehin im Besitz der großen Händlerfamilien wie den Hagaddir, die ihre Handelsniederlassungen über die Systeme verteilt hatten.

Gegen deren Stellung hatte Kiera als Captain eines kleinen Frachters kaum noch eine Chance, sich am Markt zu halten. Wenigstens galt sie mit ihrem einzelnen Schiff als zu unbedeutend, um von den Gilden gezielt behindert zu werden.

Sie lief durch den Korridor, der ihr auf dem Mono-Okular als Weg zu Hangar drei gewiesen wurde. Hier herrschte deutlich mehr Ruhe. Die wenigen Personen, die ihr begegneten, gehörten zur Bodencrew des Terminals. Sie warfen der Pilotin einen kurzen Blick zu, konzentrierten sich aber ansonsten auf ihre Aufgaben.

Die Nummerierung der Hangars erfolgte in absteigender Reihenfolge. Die junge Frau passierte gerade Hangar acht. Sie hätte viel für einen Bodengleiter gegeben, um die weiten Abstände zwischen den Landebuchten zurückzulegen. Von der halben Stunde waren bereits über zwanzig Minuten verstrichen.

Hangar sechs. Kiera seufzte. Ihre Beine begannen langsam zu schmerzen. Nach den letzten Tagen im All machte sich die Schwerkraft des Planeten deutlich bemerkbar.

Vor sich erkannte sie im Korridor eine vertraute Gestalt. Trevayne erwartete sie wie verabredet vor Hangar fünf. Sie wollte sich mit ihm absprechen, bevor sie den Händler traf.

Die Kinnlappen des Ankhthariers leuchteten in einem dunklen Rot; ein Zeichen, dass er angespannt war. Mit seinen über zwei Metern Körpergröße überragte er Kiera deutlich. Seine hagere Gestalt mit überlangen Gliedmaßen war bis auf den dreieckigen Kopf in einen hauteng anliegenden Overall gehüllt, in dessen Oberfläche zahlreiche Ausbuchtungen angebracht waren. In ihnen lagerten osmotische Gelkissen, die die schuppige Haut des Ankhthariers feucht hielten.

»Ich hoffe, du hast einen guten Grund, mich diesem Sand und Staub auszusetzen!«, beschwerte er sich. »Wenn wir zurück an Bord sind, werde ich mich im Aquatank einer langen Reinigung unterziehen!«

Kiera überging seine Vorwürfe geflissentlich und erzählte ihm von ihrer Verabredung mit dem Hagaddir. Trevaynes pupillenlose, nachtschwarze Augen leuchteten in einem matten Schein.

»Ich hätte mitkommen sollen«, murmelte er. »Diese Aufgabe hätte ich dir nicht alleine überlassen dürfen. Nicht beim ersten Mal.«

»Ist ja gut, ich hab’s verbockt«, gab sie zurück und vermied es, ihm in die Augen zu sehen.

»Diese Krämerseelen!«, fluchte er, ohne auf ihre Erwiderung einzugehen. »Die wissen genau, dass die Rebellen auf sie angewiesen sind!«

»Also, was machen wir?«, hoffte Kiera auf einen guten Einfall ihres Copiloten.

»Feilschen. Sehen, was wir herausschlagen können. Und später beim Rat Protest einlegen«, meinte Trevayne.

»Na, du bist mir ja eine große Hilfe«, seufzte die junge Frau. »Darauf hätte ich auch kommen können.«

Der Ankhtharier zuckte in einer menschlichen Geste mit den Schultern.

»Hake es unter Erfahrung ab«, meinte er. »Es wird nicht der letzte Fehler sein, den du machst. Und es könnte schlimmer sein.«

Kiera schwieg und kaute auf ihrer Unterlippe. Sie hatte gehofft, Trevayne würde sie aufmuntern. Stattdessen machte er aus seiner Kritik keinen Hehl. Seit dem Tod ihres Vaters war er ihr wichtigster Bezugspunkt gewesen. Sie hatte sich auf ihn verlassen können. Darauf, dass er da war und auf sie achtgab. Seitdem sie sich entschlossen hatte, aufgrund der immer schlechter laufenden Geschäfte für die Rebellion zu arbeiten, hatte sie zunehmend das Gefühl, er ziehe sich von ihr zurück.

Was hatte er erwartet? Sie war nicht mehr das kleine Mädchen, das ihn bei allem um Rat fragte.

Kiera seufzte. Sie strich sich über die Augen und schob die Gedanken beiseite.

Trevayne musste sich weit vorbeugen, um den Koffer mit dem Beryllium aufzunehmen. Dank des Antigrav-Stabilisators an der Oberseite ließen sich die zenterschweren Barren mühelos tragen.

Der Ankhtharier strich der jungen Frau mit der freien Hand über die Schulter. Kiera legte ihre rechte Hand auf seine und drückte sie leicht.

»Lass uns gehen«, meinte sie. »Ich möchte nicht länger auf diesem Planeten bleiben als nötig.«

Sie erreichten das äußere Ende von Hangar drei. Die Pilotin stellte überrascht fest, dass das Schott, das sich gut hundert Meter vor ihnen befand, offen stand. Üblicherweise hielt man es aus Sicherheitsgründen verschlossen.

Kiera aktivierte ihre Waffe und wartete im Laufen darauf, dass die Anzeige auf Grün für ›betriebsbereit‹ umschlug. Trevayne tat es ihr gleich. Er hatte auf ihr Anraten seinen Blaster angelegt. Schwerere Waffen, die die Schotts oder Panzerungen von Raumschiffen durchdringen konnten, waren im Terminalbereich nicht zugelassen.

»Rechnest du mit einer Falle des Händlers?«, raunte er ihr zu. »Das wäre ein ungewöhnliches Verhalten. Sie sind vielleicht verschlagen, aber ich habe nur selten erlebt, dass sie Gewalt anwenden.«

»Ich will nur vorbereitet sein«, gab Kiera zurück. ›Und für alle Fälle ein gutes Argument bei der Hand haben‹, dachte sie bei sich.

Nur wenige Schritte vom Hangartor entfernt hörte sie eine aufgebracht klingende Stimme aus der Halle. Die Pilotin wies ihren Begleiter mit erhobener Hand an, stehenzubleiben, und schlich vorwärts. Sie drückte sich gegen die Außenmauer des Hangars und spähte um die Ecke.

Das weitläufige Deck wurde nur notdürftig beleuchtet.

Kieras Augen benötigen einen Moment, um in der Umgebung überhaupt etwas zu erkennen. Vor dem wuchtigen Rumpf des Handelsraumers zeichneten sich mehrere Umrisse ab, von denen einer auf und ab lief.

»… – und ich wundere mich noch, warum die letzte Medikamentenlieferung so dürftig ausfiel«, hallte dessen Stimme von den Wänden wider. »Die Geschichte, dass Rebellen Ihr Schiff geentert hätten, habe ich Ihnen nie abgekauft. Warum sollten die das tun? Die können es sich nicht leisten, es sich mit den Handelsfamilien zu verscherzen. Für mich sieht das so aus, als ob Sie zweimal abkassieren wollten, Hagaddir! Einmal mit unserer Vorauszahlung, und ein zweites Mal, indem Sie unsere Lieferung an die Rebellen verhökern!«

»Prospektor, bitte. Ich betone abermals, dass es sich hierbei nur um ein bedauerliches Missverständnis bei der georderten Menge handeln kann«, hörte die Pilotin die mechanische Stimme des Händlers. »Die Minengesellschaft gehört seit Jahren zu unseren bevorzugten Kund…«

»Nicht so bevorzugt, wie man meinen mag, wie?«, unterbrach ihn der Vertreter der örtlichen Bergwerksbetreiber unter empörten und zustimmenden Rufen der übrigen Anwesenden.

Kiera drehte sich zu ihrem Copiloten um. Sie bedeutete ihm mit den Fingern, den Koffer abzustellen und ihr zu folgen.

Die Pilotin hielt ihre Waffe im Anschlag und stellte sich in das offene Schott. Trevayne neben sich zu wissen, beruhigte sie, dennoch schlug ihr Herz unwillkürlich schneller. In ihrem Hals kratzte es.

»Wenn Sie etwas möchten, stellen Sie sich hinten an«, rief sie in die Halle. »Das ist unsere Lieferung!«

Eine Sekunde lang geschah nichts, dann eilten die Schemen vor ihr umher. In der Dämmerung leuchtete ein verräterisches Licht auf. Kiera schrie Trevayne eine Warnung zu und warf sich zur Seite. Sie prallte gegen die Verkleidung des Schotts und zog sich dahinter in Deckung. Plasmaimpulse zerschnitten die Luft an der Stelle, an der sie soeben noch gestanden hatte.

Die Pilotin presste sich gegen die Wand und zerdrückte einen Fluch auf den Lippen. Neben ihr robbte der Ankhtharier über die Bodenplatten. Kiera blickte ihn an und stellte beruhigt fest, dass er offenbar unverletzt war.

Weitere Impulsbahnen schossen an ihr vorbei. Eine Stimme hallte durch den Hangar.

»Aufhören, bitte! Aufhören!«, vernahm sie die Stimme des Hagaddir.

Kiera feuerte einen Schuss ab, ohne im schwachen Licht ein Ziel ausmachen zu können.

Sie hatte bei ihren Geschäften selbst schon mit aufgebrachten Minenarbeitern zu tun gehabt und kannte deren Temperament. Und sie hatte nicht vor, sich erschießen zu lassen, nur weil sie zu früh aufgab.

»Verdammt, was soll das?!«, fuhr Trevayne sie an. »Was hast du am Wort ›Aufhören‹ nicht verstanden?«

»Wär’s dir lieber, ich werde erschossen?«, fauchte sie und stützte ihren Blaster mit der linken Hand. Sie suchte mit zusammengekniffenen Augen nach einer verdächtigen Bewegung im Halbdunkel.

»Ich habe nur keine Lust, dem Protektorat in die Hände zu fallen, nur weil du dich nicht zusammenreißen kannst. Meinst du, die Schüsse hier bekommt niemand mit?«

»Die haben angefangen! Und hör auf, mir Vorwürfe zu machen«, zischte sie zurück. »Du bist nicht mein Vater!«

»Nein, der bin ich nicht«, antwortete Trevayne mit einem Unterton in der Stimme, der Kiera dazu zwang, ihn von der Seite anzublicken. Sie öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, presste dann aber ihre Lippen aufeinander.

»Kommandantin, bitte, stellen Sie das Feuer ein!«, richtete sich der Hagaddir offensichtlich an sie. »Und Sie«, Kiera nahm an, dass das nicht mehr ihr galt, »rufen Ihre Männer zur Ordnung! Wollen Sie uns die Sicherheitskräfte auf den Hals hetzen?« Undeutliche Laute folgten als Antwort.

»Das meinte ich«, brummte Trevayne kaum hörbar.

Kiera verdrehte die Augen.

»Okay«, rief sie. »Ich sichere meinen Blaster und stehe auf.«

Sie drehte sich zu ihrem Copiloten um. »Wenn ich jetzt niedergeschossen werde, sind wir geschiedene Leute!«

Der Hornkamm des Ankhthariers richtete sich auf.

»Wenn das passiert, verlässt keiner dieses Deck lebend«, entgegnete er tonlos.

Die Pilotin nickte. »Das wollte ich hören.«

Sie atmete tief durch, arretierte den Sicherungshebel ihrer Waffe und steckte sie in das Holster. Kiera trat vor und schloss die Augen. Sollte sich einer der Minenarbeiter doch nicht an die Abmachung halten, wollte sie es nicht kommen sehen.

Als nichts geschah, öffnete sie sie wieder und sah sich einem halben Dutzend Männer und Frauen gegenüber, die sie allesamt misstrauisch betrachteten. Aus dem Augenwinkel nahm die Pilotin wahr, dass Trevayne nun neben ihr im Hangardurchgang stand.

»Warum müssen Rebellen immer so schnell mit der Hand an der Waffe sein?«, scholl die Stimme des Hagaddir fast schon kläglich durch den Hangar.

»Und was ist mit denen?«, ärgerte sich Kiera und wies auf die Angestellten der Minengesellschaft.

»Langsam, junge Dame!«, meinte einer der Angesprochenen und trat einen Schritt vor. Es war ein Mann mit schütterem grauem Haar. »Yendhiz, Prospektor und Verwalter von GeoSyn auf Dhenera«, stellte er sich vor. Er schüttelte den Kopf. »Was haben sie nach Ihrem dramatischen Auftritt erwartet? Markige Worte, einen Blaster in der Hand. Wissen Sie, mit wie vielen Halsabschneidern – Händler inklusive – wir es hier Tag für Tag zu tun haben?«

Der Hagaddir schnaufte bei der Bemerkung hörbar.

»Und wie verbleiben wir nun?«, fragte Kiera den Prospektor. »Wir brauchen die Medikamente beide, so wie es aussieht.« Sie wandte sich ihrem Copiloten zu. »Wie du schon sagtest, Trevayne. Feilschen. Sehen, was geht.«

»Feilschen liegt mir nicht«, meinte Yendhiz. »Sagen wir halbe-halbe und ersparen uns eine langwierige Diskussion.«

Die Pilotin lächelte.

»Das sollte in Ordnung gehen. Sie werden das Ihren Vorgesetzten erklären müssen so wie ich meinen Auftraggebern. Aber ich schlage vor, wir handeln den Preis noch etwas herunter. Das wiederum wird er«, sie wies auf den Händler, »seinen Leuten erklären dürfen.«

Der Prospektor lachte auf.

»Wir werden den anteiligen Preis voll zahlen. Wie schon gesagt, ich feilsche nicht. Aber wenn Sie den Preis drücken wollen …«, er hob die Hände, um anzudeuten, dass er sich aus dieser Entscheidung raushielt.

»Mmh«, sinnierte Kiera mit übertriebener Mimik und blickte dabei den Händler an. »50 Prozent Abschlag? Das scheint mir angemessen. Ich kann stattdessen auch eine Meldung an die Händlergilde senden.«

»Sie sind hier in meinem Hangar«, entgegnete der Hagaddir mit sichtlichem Zorn, »und denken ernsthaft, über meinen Kopf hinweg entscheiden und mir drohen zu können? Ich befürchte, Sie verkennen die Situation. Sehen Sie«, er wies über seine Schulter auf sein Schiff, »wir Händler verabscheuen Gewalt. Das heißt aber nicht, dass ich nicht eine kampferfahrene Crew an Bord habe, die bereit ist, meine Interessen zu wahren.«

Er stemmte die Hände in die Hüften und baute sich vor der jungen Frau auf.

»Im offiziellen Vermerk wird es heißen, eine Rebellin habe sich mit Waffengewalt Zugang zum Hangar verschafft. Ihr Auftritt in der Bar wird diesen Bericht stützen, Tash. Und im darauf folgenden Schusswechsel kam es bedauerlicherweise zu mehreren unglücklichen Todesfällen. Soll es wirklich dazu kommen?«

Als wollten sie seine Worte unterstützen, erschienen in der Laderampe mehrere Crewmitglieder mit leichten Gewehren über den Schultern.

»Darauf würde ich es nicht ankommen lassen«, meinte Trevayne und riss seinen Blaster hoch. »Sehen Sie, meine Kommandantin hat ihre Waffe gesichert. Ich nicht. Und wenn hier jemand stirbt, verspreche ich Ihnen, sind Sie der Erste, Hagaddir.«

Die Augen des Händlers verengten sich zu zwei schmalen Schlitzen. Unter der dunkelgrauen Haut pulsierte eine Ader auf der Stirn. Er blickte in die Mündung, in der ein schwaches Feuer gloste. »Ich dachte immer, Ankhtharier sind friedvolle Geschöpfe«, stieß er aus. »Wie man sich täuschen kann.«

»Wir passen uns den Gegebenheiten an«, entgegnete Trevayne trocken.

Elom von den Hagaddir nickte bedächtig und wies mit einer Handbewegung seine Bediensteten an, sich ins Schiff zurückzuziehen. Er blickte sich nicht um, um zu sehen, ob sie seinem Befehl folgten.

Der Ankhtharier hingegen dachte nicht daran, seine Waffe zu senken.

»Ich schlage also vor, wir schließen nun unser Geschäft ab und lecken alle unsere kleinen Wunden später«, wandte sich Kiera nach einem Seitenblick zu Trevayne an den Händler. »Und bitte alle zehn vereinbarten Container. Fünf für die Minengesellschaft, fünf für uns. Zu unserem … Vorzugspreis. Wie Sie diesen schmerzvollen Verlust Ihrer Familie erklären, können Sie sich ja auf dem Heimflug überlegen.«

Sie rieb sich mit den Fingerspitzen den Schweiß von den Handflächen und versuchte, so gelassen wir möglich aufzutreten.

Der Hagaddir bedachte sie mit einem kühlen Blick, wagte aber mit einem Seitenblick auf Trevaynes Blaster nicht, zu widersprechen. Er gab knappe Befehle in sein Kehlkopfmikrofon. Nur wenige Minuten darauf wurde ein Antigrav-Transporter von zwei seiner Bediensteten über die flache Rampe aus dem Laderaum des Gleiters geschoben.

Kiera registrierte, dass sie nicht bewaffnet waren. Sie zählte zehn Behälter. »Ich vertraue auf Ihren Ruf als ehrenwerter Händler, dass die Container auch das enthalten, was ausgemacht war?«

»Selbstverständlich«, folgte die Antwort. Der Gesichtsausdruck des Hagaddir ließ keinen Zweifel offen, wie sehr ihn die Worte beleidigten.

»Oh, natürlich, unser Teil der Vereinbarung«, erinnerte sich Kiera. »Wir nehmen jetzt die Container an uns. Und unseren Koffer draußen«, erklärte sie. »Ich hinterlege zwei Barren für Sie am Eingangsterminal. Keine Sorge. Ich denke, die Angestellten dort sind ehrlich.«

In den Augen des Hagaddir konnte sie dessen unterdrückte Wut nur allzu deutlich ablesen.

»Du behältst ihn im Auge, Trevayne?«, fragte sie ihren Copiloten, ohne ihn anzusehen.

»Als sei er das Wichtigste auf der Welt«, folgte die Antwort.

Sie nickte und ging auf den Transportwagen zu. Auf ihm konnte sie die Container auch auf der ›Lost Soul‹ gut verstauen. Der Händler würde diesen kleinen Verlust noch am ehesten verschmerzen.

»Prospektor, ich hoffe, wir sehen uns mal wieder«, verabschiedete sie sich. »Passen Sie auf, mit wem Sie Geschäfte machen.«

Yendhiz schenkte ihr ein schiefes Grinsen und hielt sich wie der Rest seiner Mannschaft bewusst im Hintergrund.

Kiera steuerte den Transporter auf das Hangarschott zu. Trevayne folgte ihr mit dem Rücken voran, die Waffe nach wie vor im Anschlag.

»Der Sicherheitsdienst des Protektorats wird den Vorfall untersuchen wollen«, rief ihr der Hagaddir nach. »Meine Version wird sein, dass Rebellen unter Anwendung von Waffengewalt in Verhandlungen zwischen der ehrenwerten Minengesellschaft und mir geplatzt sind und wertvolle Medikamente entwendet haben, die für die unermüdlich arbeitenden Männer und Frauen auf Dhenera gedacht waren.«

»Vergessen Sie nicht, einen guten Preis für Ihre Geschichte zu verlangen. Man wird sie Ihnen bedenkenlos abkaufen«, gab Kiera bissig zurück.

 

 

2.

 

Am Rande des Äußeren Nebels

»Damit haben wir uns eine ganze Menge Ärger eingehandelt.«

»Das weiß ich, Trevayne. Das weiß ich«, erwiderte Kiera. »Aber ich konnte diesen …«, sie krallte die Hände um eine imaginäre Kehle, »… ehrenwerten Händler nicht ungeschoren davonkommen lassen!«

»Das erkläre mal dem Rat«, antwortete ihr Copilot.

»Die sollten sich eher nach vertrauenswürdigen Partnern umsehen!«, gab sie zurück.

Der Hagaddir hatte es tatsächlich nicht gewagt, ihnen seine Leute nachzuschicken. Sie hatten Dhenera ungehindert verlassen können. In knapp zwei Stunden würden sie aus dem Gravitationsfeld des Sonnensystems treten und konnten den Lichtsprung nach Calliope vorbereiten.

Kiera wandte sich wieder den Schiffskontrollen zu, doch es fiel ihr schwer, sich auf die Anzeigen zu konzentrieren. Sie lehnte sich im Sitz zurück und blickte durch das Sichtfenster nach draußen ins All.

Trevayne hatte recht. Und das gestand sie sich nur widerwillig ein. Vielleicht war es ein Fehler gewesen, sich überhaupt der Rebellion anzuschließen. Sie hatte nie im Leben für eine große Sache gekämpft. Oder an eine geglaubt. Ihr Vater hatte diesen Fehler gemacht – und dafür mit dem Leben bezahlt.

Und sie alleine zurückgelassen.

»Verdammt, der Hagaddir hat ja nicht lange gebraucht, um uns ans Protektorat zu verkaufen!«, wurde sie aus ihren Gedanken gerissen. In diesem Augenblick erschütterte ein Schlag das Schiff.

Trevayne Orth fluchte. Die Anzeigen auf der Konsole meldeten einen direkten Treffer im hinteren Schutzschirm.

»Hör auf zu lamentieren und sag mir lieber, ob unsere Systeme etwas abbekommen haben!«, presste Kiera Tash hervor. Ihre Finger huschten über die Steuerelemente und programmierten einen steilen Sinkflug ein. Sie schnaubte und pustete, um eine Strähne ihres Haars vor ihren Augen zu vertreiben.

Ohne Vorwarnung wurde sie in ihren Sitz gepresst. Bei der hohen Belastung aktivierten sich die automatischen Sicherheitsgurte, die sich über Kreuz wie eine Klammer vor ihrer Brust schlossen. Für einen kurzen Augenblick stockte der Pilotin der Atem.

»Achtung, Schiff 522-ENC-4. Sie werden hiermit letztmalig aufgefordert, Ihre Erkennung zu senden, die Schirme zu senken und dem Kontrollkommando für eine Befragung Zutritt zu gewähren. Ihre Crew ist wegen eines bewaffneten Zwischenfalls auf Dhenera dringend tatverdächtig. Wir erwarten Ihre Kooperation, Bürger. Andernfalls werden wir entsprechend Direktive Omega-2 die Terminierung Ihres Schiffs einleiten«, schnarrte eine synthetische Stimme aus dem Lautsprecher.

Kiera sah einen Lichtblitz am Cockpit vorbeizucken und fletschte die Zähne. So einfach würde sie es ihrem Verfolger nicht machen. Sie aktivierte ein Menü auf der Schaltfläche und stellte einen Parabelflug ein, bei dem sie ihr kleines Schiff um die eigene Achse kreisen ließ, um kein leichtes Ziel abzugeben.

Irgendwann würden sich die Bordschützen auf dem Patrouillenboot allerdings darauf eingestellt haben – Kiera hoffte nur, dass sie bis dahin eine Lösung gefunden hatte. In direkter Nähe zu einem anderen Raumschiff konnte sie nicht über Licht gehen. Die gravimetrische Massenüberlagerung machte das unmöglich. Dieser Ausweg war ihnen also versperrt.

Sie warf Trevayne einen Blick zu. Der Hornkamm auf der Stirn ihres Copiloten hatte sich aufgerichtet und raschelte leise.

Ein weiterer Photonenimpuls schlug in den Schutzschirm ein und ließ den Rumpf der ›Lost Soul‹ erbeben. Kiera presste die Kiefer aufeinander. In einem direkten Gefecht war ihr in die Jahre gekommenes und nur notdürftig nachgebessertes Schiff einem modernen Patrouillenboot unterlegen. Ihre einzige Chance bestand darin, den Gegner auszumanövrieren. Die kleinen Boote des Solaren Protektorats waren äußerst träge. Sie dienten lediglich der Absicherung abseits gelegener Sternenpassagen. Eine monotone Aufgabe, die man nur allzu gerne an Kadetten der ersten beiden Lehrjahre übertrug.

Ein weiterer Schuss schlug in den Schutzschirm ein. Alarmsirenen heulten auf. Mehrere Schaltflächen auf der Konsole wechselten in ein tiefdunkles Rot und blinkten wild.

»Lange halten wir das nicht mehr durch«, schnaufte Trevayne und wies auf die Anzeigen. »Das waren gezielte Schüsse. Die scheinen nicht mehr nur Kadetten auf ihren Patrouillenbooten einzusetzen!«

Kiera musste ihm recht geben. Auf die Unerfahrenheit ihres Gegners konnte sie nicht setzen. Sie warf einen Blick auf die Navigationskarte, die auf das Cockpitfenster projiziert wurde. Vor dem Dunkel des Alls zeichneten sich halbtransparent die Positionen der nächstgelegenen Sternensysteme ab.

»Wie weit ist es bis zum Riff?«, wollte die junge Frau von ihrem Begleiter wissen.

Trevayne stöhnte auf. »Du hast doch nicht vor -?«, wandte er sich an Kiera.

Ein Blick in ihre Augen zeigte ihm, dass sie sehr wohl vorhatte, dorthin zu steuern.

Die Gräten seines Hornkamms zuckten. Er schluckte hektisch und nahm eine Richtpeilung vor. Mehrere Zahlenwerte leuchteten auf dem dreidimensionalen Display auf, mit denen die Koordinaten und die Trajektorie berechnet wurden.

»Trevayne …«, hakte Kiera ungeduldig nach.

»Gleichgleichgleich!«, beeilte sich der Ankhtharier zu sagen und verfolgte, wie die Zahlenreihen durchrauschten. Endlich blieben sie auf einem Wert stehen. Der Copilot überspielte die Flugbahn auf Kieras Konsole.

Die junge Frau gab den neuen Kurs ein. In einer engen Kurve kippte der schlanke Raumgleiter nach rechts weg und tauchte ab. Die Pilotin spürte, wie sich ihr Körper aus dem Sitz hob und gegen die Gurte gepresst wurde. Selbst die Andruckabsorber benötigten einen Moment, um die Fliehkräfte auszugleichen.

»Okay, dann testen wir mal, was unsere Triebwerke noch hergeben«, murmelte Kiera Tash und programmierte zwei Drittel Lichtgeschwindigkeit ein. Ein Countdown lief von zwanzig an rückwärts. In diesen Sekunden wurde die integrale Struktur des Schiffes auf die Beschleunigung eingestellt. Dehnungsschotts entlang der Außenhülle schlossen sich mit Dural-Titan-Segmenten, um die Schubbelastung abzufangen.

›Entweder das, oder wir trudeln gleich als Raummüll durchs All‹, dachte die Pilotin bei sich. Ein weiterer Photonenschuss streifte die ›Lost Soul‹ und brachte sie einen Augenblick lang ins Trudeln.

Kiera fluchte. ›Nicht jetzt‹, dachte sie. ›Bitte nicht jetzt!‹

Als der Countdown Null erreichte, atmete sie laut aus und krallte ihre Finger in die Seitenlehnen ihres Sitzes. Das Bild vor ihren Augen verschwamm von einer Sekunde auf die andere. Sterne huschten wie Schemen an ihr vorbei und schienen in der Tiefe des Alls hinter ihr zu versinken.

Ihre Augen richteten sich auf die Uhr, die die Restzeit der Fluchtgeschwindigkeit anzeigte. Mehr als fünf Minuten hielten die magnetischen Siegel der Antimateriekammern in den Triebwerken diese Belastung im Normalraum nicht aus. Und der Wert, den sie eingegeben hatten, würde mehrere Tage Reparatur im nächsten Raumdock nach sich ziehen.

»Komm schon, halte durch«, flüsterte sie ihrem Schiff zu und legte die Hand in einer beruhigenden Geste auf die Konsole.

Auf der Übersichtskarte kam das ›Riff‹ immer näher. Es würde keine zwei Minuten dauern, bis sie die ersten Ausläufer erreichten. Das Riff … ein Asteroidenfeld von solch gewaltiger Ausdehnung, dass die meisten Raumpiloten daran zweifelten, dass es natürlichen Ursprungs war. Kiera hatte Berichte gelesen, nach denen die Masse der Trümmer dreier Planeten von der Größe des sol’terranischen Uranus’ entsprach. Doch es gab in diesem Sektor keine Sonne, um die je ein Planet hätten kreisen können.

Kiera unterbrach ihre Überlegungen. In fünf Sekunden würden sie wieder auf ein Zehntel Licht gehen. Sie zählte die Zeit in Gedanken herunter. Obwohl die Trägheitsdämpfer jede Abbremsung auffingen, fühlte sie sich, als fiele beim gewohnten Anblick der punktförmigen Sterne vor der Schwärze des Alls eine Last von ihr.

»Wie sieht es aus?«, wollte sie von Trevayne wissen.

»Danke, mir geht es auch gut«, keuchte der Ankhtharier. Kiera grinste. Sie wusste, wie ihm solche Manöver zusetzten. Die junge Frau beugte sich zu ihrem Copiloten hinüber und klopfte ihm auf den Unterarm.

»Du siehst etwas blass um die Finne aus«, meinte sie mit gespieltem Mitgefühl.

»Und du scheinst ja wieder voll in deinem Element zu sein. Kaum zurück im Weltall, bist du wie ausgewechselt.«, meinte ihr Partner. »Mach dir um mich keine Gedanken. Sag mir lieber, was du vorhast.«

Kiera lehnte sich zurück.

»Ganz einfach. Wir verstecken uns hier zwischen den Asteroiden, bis das Patrouillenboot aufgibt. Wir sind so klein, dass sie uns zwischen den Trümmern nicht orten können. Und deren Schiff ist so groß, dass es Gefahr läuft, mit ihnen zu kollidieren. Kein Schutzschirm fängt Asteroiden dieser Größe ab. Solange man uns nur für schießwütige Schmuggler hält, geht kein Kommandant wegen uns dieses unkalkulierbare Risiko ein.«

Sie zeigte auf einen Punkt, der sich auf dem Navigationsschirm rasch näherte.

»Das heißt aber nicht, dass sie die Verfolgung jetzt schon aufgegeben haben. Die haben unseren Kurs schnell nachverfolgen können!«

Sie fluchte. Viel Zeit blieb ihnen nicht.

Kiera suchte sich einen Korridor durch die vordersten Asteroiden, die nur wenige Lichtsekunden vor ihnen durchs All trudelten. Trevayne hatte alle verfügbare Energie auf die Schutzschirme gelegt. Bei jeder Kollision mit einem Kleinstkörper leuchtete eine Stelle an der schematischen Darstellung der Außenhülle auf.

Mit angespannter Miene verfolgte der Copilot die Restenergie nach jedem Einschlag.

Die junge Frau machte sich darüber keine Gedanken. Ihr blieb gar kein anderer Ausweg als dieses Risiko einzugehen. Sie ließ die ›Lost Soul‹ zur Seite kippen und tauchte so in einen schmalen Durchlass zwischen zwei Asteroiden ein. Der Schatten des Gesteins schluckte das ohnehin schwache Sternenlicht, und so verließ sich die Pilotin ausschließlich auf die Ortungsanzeigen auf dem Hauptdisplay.

»Das Patrouillenboot hat nun die Ausläufer des Riffs erreicht«, kam die Auskunft von Trevayne. Kiera nahm es mit einem Nicken zur Kenntnis und tauchte unter mehreren trudelnden Körpern hinweg, die sich dem Rumpf gefährlich näherten. Müsste sie sich nicht verstecken, hätte sie ihren Bug-Laser eingesetzt, um sich den Weg freizuschießen. Doch den hätten ihre Verfolger umgehend geortet, und so blieb der Pilotin nichts anderes übrig, als sich auf ihre Flugkünste zu verlassen. Und darauf zu vertrauen, dass ihr Schiff den Belastungen standhielt.

Schweiß perlte auf ihrer Stirn. Die Haarsträhnen, die ihr gewöhnlich ins Gesicht hingen, klebten schnell auf der Haut.

»Kiera«, meldete sich mit einem Mal ihr Copilot.

»Was?«, erwiderte sie, unwirscher als beabsichtigt. Sie musste all ihre Konzentration auf den Flug legen.

Trevayne zögerte mit seiner Antwort. »Wir sind nicht allein. Da draußen ist ein weiteres Schiff.«

»Was?!«, entfuhr es der Pilotin. »Wo? Wie groß ist es? Welche Kennung hat es?«

Jedes Raumschiff war dazu angewiesen, ein Signal auszusenden, anhand dessen man seine Identität feststellen konnte. Allerdings hielten sich Raumpiloten, die nicht erkannt werden wollten, nicht an diese Vorgabe und sendeten entweder gar kein oder ein gefälschtes Signal.

»Es ist eine Rebellensignatur. Da draußen ist eines von unseren Schiffen.«

Kiera sah ihren Copiloten ungläubig an.

»Wiederhol das noch mal«, forderte sie Trevayne auf.

Dieser deutete auf seine Anzeigen. »Unverkennbar ein Rebellenschiff. Kein Raumpilot würde diese verschlüsselte Signatur unbefugt einsetzen, es sei denn, er wollte Ärger mit der Rebellenallianz riskieren. Allerdings«, der Ankhtharier beugte sich über das Display, »das ist seltsam …«

»Sag schon!«, knurrte Kiera und zog den Gleiter über die matt glänzende Oberfläche eines Asteroiden.

»Es ist eine alte Signatur. Die verwenden wir schon seit, Himmel, Jahrzehnten nicht mehr.«

Die junge Frau musterte ihren Begleiter aufmerksam.

»Kannst du seine genaue Position orten?«, fragte sie.

»Sicher, es liegt im Schatten des großen Asteroiden da rechts.« Er deutete geradewegs nach vorne, auf den Hauptbildschirm. Dort zeichnete sich der große Umriss eines Felsbrockens ab, der laut Ortung über drei Kilometer an seiner längsten Stelle maß. Seine Oberfläche war von zahlreichen Einbuchtungen und Tälern zerfurcht.

»Als Versteck wie geschaffen für ein kleines Schiff«, murmelte Kiera. Sie tauschte einen Blick mit Trevayne aus. Wenn sich dort ein weiteres Rebellenschiff verborgen hielt, war es für sie eine Selbstverständlichkeit, dass sie sich zusammentaten und gemeinsam aus dem Riff entkamen.

»Hast du die genauen Koordinaten?«, fragte sie den Ankhtharier.

»Bis auf zwei Meter genau«, antwortete dieser. »Wir können es nicht verfehlen.«

Das beruhigte Kiera. Solange das Patrouillenboot am Rand des Asteroidenfelds lauerte, konnte sie es nicht wagen, eine Sprechfunkverbindung aufzubauen. Ihr blieb gar nichts anderes übrig, als sich dem anderen Schiff bis auf Sichtkontakt zu nähern.

Sie verringerte die Geschwindigkeit der ›Lost Soul‹ und zog knapp über das hellgraue Gestein des Asteroiden dahin. Wie eine Klippe tauchte dessen Oberfläche nach unten ab.

»Dort hin«, wies Trevayne sie an. »Noch knapp achthundert Meter.«

Kiera nickte, ohne ein Wort zu sagen, und gab nur noch kurze Beschleunigungsimpulse, während sie mit den vorderen Steuerdüsen den Flug abbremste.

Fast hätte sie den Umriss des gesuchten Raumschiffs in dem Dämmerlicht nicht entdeckt. Einzig die schmale Heckflosse hob sich vor dem Sternenhintergrund als dunkler Schatten ab. Die Pilotin näherte sich bis auf zwanzig Meter und verlangsamte die Geschwindigkeit deutlich. Mit einem Tastendruck ließ sie die Landefüße ausfahren. Vorsichtig setzte sie ihr Raumschiff auf dem Gestein auf. Ein leichter Ruck ging durch den Rumpf, der sich noch gut einen Meter senkte und die Landehydraulik beanspruchte, dann lag die ›Lost Soul‹ still auf dem felsigen Untergrund auf.

Sie wartete auf eine Reaktion von dem fremden Schiff und hoffte auf irgendein Signal oder ein Aufleuchten im Cockpit. Es war kaum größer als ihr eigener Gleiter, mit einem aerodynamischen Rumpf, der auch die Landung auf Planeten erlaubte.

Doch das Modell war ihr völlig unvertraut. Ratlos blickte sie Trevayne an. Dieser schüttelte den Kopf und strich sich über sein spitz zulaufendes Kinn.

»Das«, setzte er an, »das ist lange her, dass ich diesen Schiffstyp gesehen habe. Wir – das heißt, dein Vater und ich – haben sie früher eingesetzt. Mastodon-Klasse. Zuverlässige kleine Allzweckschiffe. Aber mir ist seit Jahrzehnten keines mehr begegnet. Ihre Reichweite war begrenzt, nur für den Inneren Sektor. Als wir nach der Niederschlagung der ersten Rebellion in die Randgebiete flüchten mussten, mussten wir Langstreckenschiffe einsetzten. Keines wie dieses hier hätte es bis hier draußen ins Riff schaffen können.«

»Diesem ist es wohl gelungen«, entgegnete Kiera lakonisch. Sie betätigte kurz entschlossen eine Schaltfläche. Der Außenscheinwerfer leuchtete auf. Ein heller Lichtkegel erfasste die Oberfläche des fremden Schiffs. Der Ankhtharier wollte aufbegehren, doch die Pilotin wies ihn mit einer Handbewegung zurecht.

»Nur die Ruhe. Der Scheinwerfer reicht gerade einmal hundert Meter weit, und wir sind hier im Schatten verborgen. Es ist ausgeschlossen, dass uns das Patrouillenboot ausmacht.«

Trevayne ruckte in seinem Sessel hin und her und schürzte die schmalen Lippen. Es kostete ihn sichtlich Überwindung, Ruhe zu bewahren.

»Nun gut«, meinte er schließlich. »Dann lass es uns genauer betrachten.«

Während Kiera das Schiff auf dem Bildschirm untersuchte und Ausschnitte heranzoomte, aktivierte ihr Copilot die Scanner und ließ sich die Werte übermitteln.

»Es sieht nicht beschädigt aus«, stellte die junge Frau fest und fuhr sich durchs Haar. »Kein Einschlag, keine Explosion, keine Risse.«

Trevayne trommelte mit seinen Fingern auf die Glasoberfläche der Konsole.

»Nicht nur das«, ergänzte er und strich sich über seinen faltigen Hals. »Das Schiff verfügt nach wie vor über Energie. Und …«, er warf Kiera einen eindringlichen Blick zu, »… an Bord ist ein Lebenszeichen. Menschlich.«

Die junge Frau sah ihn ungläubig an.

»Aber – du hast selbst gesagt, die Schiffe werden von uns seit Jahrzehnten nicht mehr eingesetzt. Wie kann dann da drüben noch etwas – oder jemand – leben? Und wie können die Schiffsysteme so lange aktiv bleiben?«

Trevayne hob die Hände. »Frag mich nicht. Das ist auch nicht alles. Ich habe gesagt, es gibt ein Lebenszeichen. Aber da drüben werden drei Körper geortet.«

Kiera legte die Stirn in Falten. »Das heißt, die anderen beiden sind also tot?«

Der Ankhtharier nickte. »Davon ist auszugehen, ja.«

»Wir gehen rüber!«, stellte die junge Frau fest.

Nun war es an ihrem Copiloten, ihr einen ungläubigen Blick zuzuwerfen.

»Das kann nicht dein Ernst sein?! Hast du vergessen, was wir hier machen? Wir verstecken uns vor einem Patrouillenboot des Protektorats. Wenn sie uns doch orten und aufspüren, während wir uns an Bord dieses … dieses Seelenverkäufers befinden, haben wir keine Chance!«

Kiera sah ihn nachdenklich an.

»Da gebe ich dir recht«, stimmte sie ihm zu. »Aber da drüben liegt ein gestrandetes Schiff der Rebellion. Und an Bord ist noch jemand am Leben. Wir können ihn doch nicht einfach hier zurücklassen! Das bringe ich nicht fertig!«

»Unter anderen Umständen würde ich dir zustimmen. Aber wir können froh sein, wenn wir unentdeckt bleiben und mit heiler Haut hier raus kommen.«

»Meine Entscheidung steht fest, Trevayne!«, gab sie scharf zurück und löste sich aus ihrem Sitz. »Ich bin der Captain.«

»Du weißt genau, was dein Vater von solchen Unternehmungen gehalten hätte«, brummte er und entriegelte seinen Gurt. Kiera lag eine bissige Bemerkung auf der Zunge. Erst als sie Trevaynes besorgten Blick sah, entspannte sie sich.

»Mein Vater wäre jetzt schon längst in der Luftschleuse gestanden und hätte gefragt, wo wir bleiben«, antwortete sie und klopfte ihm auf die Schulter.

 

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